Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 20 (1908)
- Issue
- 5 (5.1908)
- Date
- 1908-05-01
- Page
- Seite 19 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/9756662-9603886-9604051--1920-9604072- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
19 gebracht werden. Sie werden mir also gewiss Alle zustimmen, dass diese Regulierung der Auswanderung, die nicht etwa als Woltätigkeitsakt anzusehen ist, sondern sowohl sozial als auch wirtschaftlich das Interesse der gesamten östeireichischen Judenschaft berührt, eine Hauptaufgabe sämtlicher Kultusgemeinden und damit auch des Gemeiudebundes bildet. Wenn ich diesen Punkt zum Schlüsse der sozialen Aufgaben erwähnte, so geschah es deshalb, weil es zweifellos ist, dass er sowohl unter die sozialen als auch wirtschaftlichen Aufgaben der Kultusgemeinden zu rechnen ist, zu welch letzteren ich jetzt übergehe. Es wird vielleicht manche von Ihnen, meine Herren, besonders jene, die Vorsteher von Kultusgemeinden sind, geben, die es auffallend finden werden, dass ich überhaupt von wirtschaftlichen Aufgaben der Kultusgemeinden spreche, denen sich doch noch irgendwo eine solche zugewendet hat. Es ist aber andererseits doch klar, dass jenes Referat zwecklos wäre, welches sich damit begnügen würde, nur bekannte Tatsachen vorzubringen, und nicht auch neue Anregungen zu geben. Eine solche ist die von mir bereits einmal vorgetragene Idee der Gründung einer jüdischen Gemeindesparkassa. Die Ursachen, die mich zu dieser Anregung veranlassten, waren zum Teil finanzielle, zum Teil sozialpolitische. Ich ging von der Anschauung aus, dass der nicht unbedeutende Nutzen, den die österreichischen Sparkassen einheimsen, zum nicht geringen Teile aus jüdischen Spargeldern resultiert und dass somit z. B. die Unterstützung rein antisemitischer oder katholisch konfessioneller Institutionen, wie sie von den Wiener Kommunalsparkassen gefördert werden, auch mit Hilfe jüdischen Geldes geschieht. Wir sind aber hier in Oesterreich viel zu sehr auf uns angewiesen, als dass wir uns einen solchen Luxus gestatten könnten. Eine solche Gemeindesparkassa könnte, tüchtige Leitung vorausgesetzt, aber auch ein nicht unbeträchtliches Ergebnis für rein jüdische Zwecke abwerfen, zum Teil zur Erleichterung der Kultusgemeinden,, die j i durch die von mir skizzierten neu erwachsenden Aufgaben noch schwerer belastet würden, als bisher, teilweise aber zur Förderung einer ganzen Reihe wirtschaftlicher Institutionen dienen. Ich denke hiebei in erster Linie an die Förderung von jüdischen Kreditgenossenschaften, die bisher meist unter Kapitalmangel leiden. Welche Bediutung solchen Kreditgenossenschaften besonders im heutigen schweren Kampfe des jüdischen kleinen Mannes zukommt, brauche ich in diesem Kreise wohl nicht erst im Detail auszuführen und möchte nur ganz kurz streifen, dass sie durch ihre Wirksamkeit zweifellos eine Steigerung des jüdischen Volkswohlstandes mit sich bringen und damit eine Festigung des Judentums selbst. Alle Aufgaben, die ich bisher den Kultusgemeinden zuweisen zu müssen glaubte, ergaben sich aus dem Wesen und den äusseren Verhältnissen des Judentums, und da ist es denn selbstverständlich,