Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 20 (1908)
- Issue
- 5 (5.1908)
- Date
- 1908-05-01
- Page
- Seite 17 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/9756662-9603886-9604051--1918-9604070- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
liehen Klauen proselytensuchender Eiferer oder besser gesagt Eiferinnen entreissen müssen oder doch sollen. Ein Versorgungshaus zu errichten, kann man nicht unter die Pflichten einer Kultusgemeinde zählen, da nach dieser Richtung auch durch eine andere Form der Fürsorge, etwa direkte Unterstützung, gesorgt werden kann. Allerdings muss man, wo ein solches vorhanden ist, dies nur mit Freude begrüssen. Die Verpflichtung, für verwaiste oder verlassene Kinder zu sorgen, ist eine so selbstverständliche und insbesondere bei der gegenwärtigen Zeit, die ja ein Hauptgewicht auf Kinderfürsorge legt, sich natürlich ergebende, dass man auf eine Begründung wohl verzichten kann. Der Waisenfürsorge kommen ja in der Tat wir Juden, bezw. unsere Kultusgemeinden in nicht geringerem Masse nach, als unsere nichtjüdischen Mitbürger. Woher erklärt sich nun die förmliche Sehnsucht, die unsere grossen und selbst kleinen Gemeinden nach jüdischen Waisenhäusern empfinden, woher kommt es, dass gerade innerhalb unseres Bundes, speziell auf diesem Gebiete so Hervorragendes geleistet wird? Es ist eben auch hier, wie bei allen Fragen, die das Judentum betreffen, entsprechend seiner Doppelnatur als Glaubens- und als Volksgenossenschaft — ich zitiere hier die Worte des Reichsratsabgeordneten Doktor Ofner in der letzten „UnionM-Versammlung— ein doppelter Grund vorhanden. Bei den verhältnismässig geringen Mitteln, die für die Waisenpflege zur Verfügung stehen, werden, insbesondere in den grossen Städten, jüdische Waisen-, Findel- und verlassene Kinder von den christlichen pflegsverpflichteten Gemeinden schon wegen der geringeren Kosten bei nichtjüdischen Pflegeeltern untergebracht und es ist selbstverständlich, dass dadurch die überwiegende Anzahl dieser Kinder dem Judentum verloren geht. So wurden wir zum Beispiel jüngst in der Wiener Kultusgemeinde privat verständigt, dass solche Kinder die christlichen Religionsübungen mitzumachen genötigt werden. Dies ist der eine Grund, der zweite, ein rein menschlicher und vielleicht eben desswegen ein rein jüdischer. Wir nämlich, bei denen das B'amilienleben das Höchste ist, wir, bei denen die Liebe der Eltern zu den Kindern vielleicht manchmal sogar über das richtige Mass hinausgeht, wir empfinden es stets als eine Anklage gegen uns, wenn wir sehen, dass Kinder ohne jedweden Ersatz für diese liebende Fürsorge aufwachsen müssen, wenn wir daran denken, was aus diesen Kindern einmal werden soll, die, als Juden geboren, vielleicht gar einmal die in der eben erschienenen jüdischen Statistik mit Null bezeichneten Rubriken füllen könnten. Es ist ja möglich, dass die jüdischen Pflegeeltern, die ja schliesslich des Erwerbes willen die Kinder aufnehmen, dieselben auch nicht einwandfrei erziehen, aber eines erscheint mir unbedingt sicher, diese Kinder werden weder Trunkenbolde sein, noch ihre Frauen misshandeln, die werden sich weder zu Raubmördern noch zu Hochverrätern her-