Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 20 (1908)
- Issue
- 5 (5.1908)
- Date
- 1908-05-01
- Page
- Seite 16 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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16 gemeinde nämlich, zwischen einheimischen und fremden Juden natürlich keinen Unterschied machen kann. Damit will ich sagen, dass es in erster Linie, natürlich abgesehen vom Kultus, auf den ich selbstredend später zu sprechen komme, die soziale Fürsorge ist, welche die Hauptaufgabe einer Kultnsgemeinde bildet. Unter diesem Titel möchte ich die derselben obliegende Pflicht zusammenfassen, für die Kranken, Siechen und Armen zu sorgen, die Auswanderung und dadurch auch die Opfer fordernde und Feindschaft erzeugende Einwanderung zu regulieren, sowie auch für Waisenhäuser zu sorgen und Kinderhorte oder Kinderasyle zu fördern. Es resultiert aus dem jüdischen Wesen und bildet wohl einen Kernpunkt des sogenannten jüdischen Problems, dass überhaupt all diese Verpflichtungen und noch dazu in erster Linie an die Kultusgemeinde herantreten. Vor mir liegt der Presbyterial-Bericht der evangelischen Gemeinde A. B., da findet man bei einer Kopfzahl von fast 60.000, unter denen gewiss perzentuell nicht weniger als der allgemeine Durchschnitt Bedürftige und Leidende vorhanden sind, keine Spur jjner Institutionen, die uns Juden selbstverständlich erscheinen. Während beispielsweise dem Religionsunterricht in dem erwähnten Berichte 12 volle Seiten gewidmet sind, ist die Armenpflege mit 12 Zeilen erledigt. Worin liegen nun die Gründe dieser auffälligen Tatsache? Da sind es denn vor allem die rituellen Pflichten, die einer Gemeinde von vornherein den Zwang auferlegen, soziale Fürsorge zu treiben. Es ist doch zweifellos, dass sich eine grosse Anzahl unserer jüdischen Mitbürger tief unglücklich fühlt, wenn zu ihrem körperlichen Leiden sich noch der Zwang gesellen würde, unerlaubte Kost zu gemessen, und sicherlich hat jeder Jude das Recht, von seinen jüdischen Mitbürgern zu fordern, dass man nach dieser Richtung seine Ueberzeugung achtet und ihm die Möglichkeit bietet, in ihr zu leben und zu sterben. Denn, meine Herren, wenn wir auch hier in unserer überwiegenden Majorität gewiss Freidenker sind, so stelle ich mir vor, dass das wahre freie Denken darin besteht, jede fremde und ehrliche Ueberzeugung ebenso hoch zu schätzen, wie die eigene. Dies allein würde also schon genügenden Grund für die Errichtung jüdischer Krankenhäuser bilden. Dazu kommt aber noch, dass infolge der Zeitströmung auswärtiger, insbesonders galizischer Juden die Krankenhäuser West Österreichs nahezu völlig verschlossen werden, für uns aber sind es eben keine Galizianer, sondern Juden und noch dazu leidende Juden. In noch höherem Masse zwingt uns der Antisemitismus, für unsere jüdischen Siechen Sorge zu tragen, denn abgesehen davon, dass uns unser menschliches Fühlen dazu treibt, für diese hilflosen, tief bedauernswerten Menschenruinen zu sorgen, die bei den gegenwärtigen Verhältnissen vielleicht sonst elend auf dem Stroh zugrunde gehen müssen, kommt noch dazu, dass wir diese Wehrlosen gar oft den begehr-