Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 20 (1908)
- Issue
- 5 (5.1908)
- Date
- 1908-05-01
- Page
- Seite 3 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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3 verhindert war, an der Sitzung teilzunehmen, erklärte nachträglich, dass er gegen die Resolution gestimmt hätte. Die Erregung über den diesbezüglichen Beschluss des Budgetausschusses, insbesondere aber über die beispiellose Fahnenflucht der sogenannten „deutsch-freiheitlichen" Abgeordneten ergriff die gesamte jüdische Bevölkerung des Reiches und kam sowohl in der Protestversammlung, die wir vor vierzehn Tagen in diesem Saale abhielten, als auch in den an uns gelangten Zustimmungserklärungen zahlreicher Kultusgemeinden zu wirkungsvollem Ausdruck. Es ist selbstverständlich, dass wir hiemit unsere Aufgabe gegenüber dem freventlich versuchten Einbrüche in die verfassungsmässige Rechtsgleichheit nicht für abgeschlossen erachten, sondern bei einer etwaigen Wiederaufrollung der Frage im Plenum des Hauses bemüht sein werden, die Regierung zu einer öffentlichen Ablehnung der an sie gestellten gesetzwidrigen Zumutung zu bestimmen. Mit besonderer Genugtuung verzeichnen wir es, dass aus diesem Anlasse die jüdischen Reichsratsabgeordneten aller Parteischattierungen mit Ausnahme der Sozialdemokraten sich zu einer gemeinsamen Kundgebung zusammenfanden und so einen Gedanken zur Tat machten, den wir schon kurz nach Eröffnung des Reichsrates angeregt hatten. Hier sei es uns gestattet, unsere Stellung zu der neuen Erscheinung eines „Jüdischen Klubs" im Abgeordnetenhause zu präzisieren. Die vier Mitglieder dieses Klubs, die aus dem Osten des Reiches ins Parlament entsendet sind, bekennen sich zum jüdisch-nationalen Programm, nehmen jedoch in allen politischen und kulturellen Fragen einen demokratischen Standpunkt ein. Mag auch die Forderung nach Anerkennung einer besonden jüdischen Nationalität mit den sozialen und wirtschaftlichen Verhältnissen der westösterreichischen Juden nicht in Einklang zu bringen sein, so müssen wir doch anerkennen, dass der „Jüdische Klub" in allen die Ehre und die staatsbürgerlichen Rechte der Juden berührenden Fragen entschlossen und entschieden denselben Grundsatz der Selbstverteidigung vertritt, dem unsere Rechtsschutzinstitution ihr Entstehen verdankt, und wir haben daher keinen Grund, die uns von diesen Männern willig dargebotene Hand zu gemeinsamer Arbeit zurückzuweisen. Denn dem Wesen nach treiben die Dinge ohne unser Hinzutun und selbst gegen* unseren Willen längst dahin, dass wir, nur auf unsere eigene Kraft gestellt, nicht mehr die Politik dieser oder jener Partei, sondern nur noch eine Politik der rein jüdischen Interessen machen können. Geehrte Herren! Nach den Vorgängen der jüngsten Zeit kann sich Niemand der Erkenntnis verschliessen, dass die österreichische Judenschaft ernsten und schweren Zeiten entgegengeht und dass eine Zusammenfassung aller wirkenden Kräfte dieser Judenschaft nottut, um den drohenden Stürmen zu begegnen. Sollte die heute versammelte Delegiertenkonferenz der österrei-