Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 20 (1908)
- Issue
- 4 (4.1908)
- Date
- 1908-04-01
- Page
- Seite 38 (sequence 39)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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38 Am 11. d. M. abends verbreitete sich in Boskowitz und der Umgebung das Gerücht, dass in der Station Skalitz eine an den Schächter in Boskowitz adressierte Kiste eingelangt sei, in welcher sich ein bewusstloses Mädchen befand, welches jetzt zu den Osterfeiertagen dem jüdischen Aberglauben zum Opfer fallen sollte. Dieses unsinnige Gerücht rief in einem grossen Teile der Bevölkerung solche Aufregung hervor, dass der Ausbruch von Gewalttätigkeiten gegen die Juden zu befürchten stand. Obwohl von der Gendarmerie sofort festgestellt wurde, dass eine derartige Kiste in Skalitz nicht eingetroffen ist, hat sich die Aufregung der Bevölkerung noch nicht gelegt. Unser Rechtsschutzbureau hat sofort einen Delegierten nach Boskowitz entsendet und eine Anzahl von Personen festgestellt, welche zur Verbreitung des Gerüchtes beigetragen haben. Gegen dieselben wird die Strafanzeige nach § 308 St.-G. erstattet. * * * Der „Neuen Nationalzeitung" wird aus Stryj unterm 3. April berichtet: „Ein hiesiger Bürger und Restaurateur namens Leib Mischl wurde fast zum Opfer des traurigen Ritualmordmärchens, und nur ein glücklicher Zufall hat unsere ganze Stadt vor einem Pogrom gerettet. Sonntag, am 29. März 1. J., gegen Mittag sah Mischl plötzlich vor seinem Hause eine grosse Masse Menschen angesammelt, die eine wütende Stellung einnahm. Als er sich erkundigen wollte, um was es sich handle, und sich hinaus begab, fand er an der Spitze der angesammelten Menge seine Mietpartei namens Marya Szenger, die ihm zurief, dass er ihren drei Jahre alten Knaben in seinen Weinkellereien als Passah- Blutopfer versteckt habe; zu diesem Zwecke habe er den Buben noch früher gefüttert. Frau Mischl hat ihm nämlich aus Mitleid was zu essen gegeben. Der Mann dieses Weibes schimpfte, dass alle Juden Diebe sind und die Masse wurde immer erregter, dem Herrn Mischl und seiner Familie stand das ärgste bevor. Plötzlieh erschien ein nichtjüdischer Nachbar mit dem Knaben, welcher sich verirrt hatte. Da beruhigte sich erst die Masse und zog ab. Charakteristisch ist es aber, dass die Polizei auf eine derartig absurde Insinuation hin, statt Mischl zu schützen, gegen ihn einzuschreiten entschlossen war." Deutsch-Freiheitliches. Am 12. März d. J. fand die Generalversammlung des Teplitzer Hausherrenvereines statt, einer nichtpolitischen Körperschaft, deren Vorstand jedoch zumeist aus Mitgliedern der deutschradikalen Partei besteht. In dieser Versammlung zogen die Führer der Teplitzer Deutschradikalen, die Herren Dr. Ernst W a 11 h e r und Gymnasialprofessor Eduard R e i c h e 11, bei dem Programmpnnkte