Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 20 (1908)
- Issue
- 4 (4.1908)
- Date
- 1908-04-01
- Page
- Seite 22 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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22 Annahme eines neuen Programmes, das vor 15 Jahren aufgekommen ist, Besseres und Sichereres erreichen müssten. Ich und meine Gesinnungsgenossen hingegen sind nicht dieser Ansicht. Ich werde Ihnen heute Data vorführen, welche nachweisen sollen, in welch kurzer Frist eine Besserung unseres Zustandes gegen früher hin erlangt wurde. Dabei gebe ich mich nicht der Illusion hin, einen Gegner durch meine Worte überzeugen zu können. Mein Zweck ist nur, zu begründen, dass der Kurs, den die Führer unseres Stammes, Moses Mendelssohn, Gabriel Riesser, Montefiore und Cremieux, genommen haben, ein richtiger war, dass nur auf diesem Wege die Gleichberechtigung erlangt werden konnte und dadurch unsere Ueberzeugung zu rechtfertigen, dass Rechte nur auf die gleiche Art erhalten werden, wie sie erworben worden sind, dass es als ein grosser Fehler und eine Gefährdung des bereits Erreichten erscheinen müsste, das Programm zu wechseln. Es liegt hierin keine Feigheit unsererseits. Feige ist, wer aus Furcht vor ihm persönlich drohenden Gefahren unterlässt, seine Pflicht zu tun. Wer aber, mit der Vertretung fremder Interessen betraut, sorgfältig erwägt, ob sein Vorgang seinen Auftraggebern nicht statt Nutzen Schaden oder Gefahr bringen kann, handelt nicht feige, sondern mit pflichtgemässer Besonnenheit. Ich kann nicht sagen, dass ich das Vorhandensein von zwei verschiedenen Richtungen im Judentume bedauere, das Judentum scheut keine Diskussion, es scheut auch keine Meinungsverschiedenheit. Unsere Quellen berichten uns von einem über ein Jahrhundert währenden Meinungskampfe der hervorragenden Gesetzeslehrer Hillel und Schommai und ihrer Schulen und äussern sich darüber nachstehend: „Obschon die einen verbieten, was die anderen erlauben, die einen für unrein erklären, was die anderen für rein halten, bestand gleichwohl zwischen den Anhängern beider Riehtungen freundschaftlicher, brüderlicher Verkehr." Der in Rede stehenden Kontroverse gegenüber muss ich jedoch auf das Nachdrücklichste betonen, dass es unsererseits nicht Bequemlichkeit, auch nicht Gleichgültigkeit ist, wenn wir den Anschluss an die moderne Richtung als gefährlich ablehnen, sondern lediglich eine Folge unserer festen Ueberzeugung, dass die Handlungsweise unserer Väter und Vorgänger im Amte vollkommen den Interessen unseres Stammes und unserer Nation entsprach. Der dritte Grund zu meinem heutigen Vortrage endlich ist der nachstehende: Die Vertreter der Prager Gemeinde waren sehr gegen ihren Willen genötigt, in den letzten zwei Jahren die Abgaben zu erhöhen. Ich will den Nachweis liefern, welche Aufgaben die Gemeinde im Jahre 1848 zu lösen hatte, welche Aufgaben ihrer im Jahre 1908 harren und das Urteil der Versammlung selbst überlassen, ob man derartig erhöhten Anforderungen bei geänderten Verhältnissen auf andere Weise gerecht werden kann. Im weiteren Verlaufe meiner