Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 20 (1908)
- Issue
- 4 (4.1908)
- Date
- 1908-04-01
- Page
- Seite 21 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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21 Sr. Majestät unseres Kaisers war es vorbehalten, die Anerkennung der Juden als gleichberechtigte Staatsbürger durchzuführen. Aber nicht nur wir Juden Oesterreichs sind unserem erhabenen Monarchen zu innigstem Danke verpflichtet, alle Juden der Welt haben Anlass, seine Regierungszeit zu den erfreulichsten Epochen der Geschichte der Juden in der Verbannung zu zählen. Wenn man von jenem Staatskolosse absieht, dessen Grenzen zugleich die Grenzen des Rechtes, der Zivilisation und der Menschenliebe bilden, leben in der österreichisch-ungarischen Monarchie relativ und absolut die meisten Juden. Da nun nachgewiesen ist, dass die seit über 40 Jahren den Juden gewährte Gleichberechtigung keinerlei schädliche Folgen für den Staat gehabt hat, und da ferner die Geschichte beweist, dass auch die anderen Bewohner des Reiches, sofern sie nicht von gewissenlosen Hetzern aufgewiegelt wurden, oder richtiger gesagt, trotzdem sie täglich von gewissenlosen Hetzern aufgewiegelt werden, sich nicht bedrückt fühlten durch die Gleichberechtigung, so sind die Gründe für die Emanzipation der Juden für alle Zeiten festgelegt. Zu den häufigsten Einwänden während des Kampfes um die Emanzipation gehörte die Besorgnis, die Wirtsvölker wären zu wenig aufgeklärt, um eine derartige Verfügung widerstandslos aufzunehmen, es müssten zum Schutze der Juden Uebergangsmassregeln getroffen werden. Die Geschichte aber zeigt, dass das Volk seit dem Jahre 1867 in Oesterreich und in Ungarn reif genug ist. Doch nicht nur unser Rechtszustand ist unter der Regierung Sr. Majestät unseres Kaisers anerkannt worden, sondern auch das Recht unserer Konfession, das Judentum als Religion. Es entsendet seine Vertreter in die Schulbehörden, es hat eine Organisation, wie sie die Vertreter der Judenscliaft selbst vorgeschlagen haben, und es ist über jeden Zweifel erhaben, dass der Wunsch der Juden nach einem Ausbau ihrer Organisation an unserem Monarchen einen warmen Förderer finaen wird. Der zweite Grund, heute das Wort zu ergreifen, ist das Bedürfnis, gegenüber einer allgemein diskutierten Frage meine und meiner Gesinnungsgenossen Stellung klarzulegen und zu begründen. Wir können es nicht leugnen, dass uns seit einem Menschenalter die öffentliche Meinung minder günstig ist, als bis zu dieser Zeit. Die ganze liberale Richtung ist Seither in Misskredit geraten und dadurch auch wir Juden, die wir die Erlangung unserer Gleichberechtigung dieser Strömung zu verdanken haben. Es ist nun vollkommen erklärlich und das Gegenteil würde ein Wunder sein, dass sensible Naturen und vor allem die warmblütige Jugend in Folge der Bedrückungen und Zurücksetzungen durch die neuere Richtuüg missgestimmt sind, den Ursachen nachforschen und zu der Ansicht kommen, da^s die Taktik unserer Vorkämpfer seit anderthalb Jahrhunderten eine unrichtige war, dass sie auf falschem Wege erlangt haben, was sie erlangt haben, und dass die Juden bei