Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 20 (1908)
- Issue
- 4 (4.1908)
- Date
- 1908-04-01
- Page
- Seite 3 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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3 Nach Eröffnung der Versammlung durch den Vorsitzenden Herrn kais. Rat A n n i n g e r ergrift der Referent, Herr Präsident Siegmund Mayer, das Wort zu folgenden Ausführungen: Meine sehr geehrten Herren! Gestatten Sie mir, sofort auf die tief ernste Angelegenheit einzugehen, welche Ihren Vorstand veranlasst hat, unverzüglich und ohne Säumen Sie zur Beratung einzuberufen. Sie kennen dieselbe. Der Budgetausschuss des Abgeordnetenhauses hat in der Sitzung vom 9. d. M. eine Resolution gefasst, in welcher die Regierung aufgefordert wird, die Zahl der Juden an den Mittelschulen in Einklang mit dem Perzentsatz zu bringen, den sie in der gesamten Bevölkeruug einnehmen, das heisst mit anderen Worten, da der Perzentsatz dieser jüdischen Schüler in der Gesamtzahl derselben höher ist als jener Perzentsatz der jüdischen Bevölkerung überhaupt, die Zulassung der Juden zu den Gymnasien-, Real- und s on s t i g e n Mit t e 1schulenzu beschränken. Die Bedeutung dieses Ereignisses wird von dem klerikalen „Vaterland" ganz richtig angedeutet, indem dasselbe triumphierend schreibt: „Wer die Tragweite dieses Resolutionsantrages kennt, wird nun auch die Schwere des Schlages etc. Die Wirkung der vielumstrittenen Rede Dr. Luegers am letzten Katholikentage schien verflogen und nun zeigt sie sich im wichtigsten Ausschusse des Volksparlamentes." Soll ich nun selbst in Ihrem Kreise erst viele Worte brauchen, um die vernichtenden Konsequenzen einer solchen Beschränkung auf die wirtschaftliche Existenz der Juden und die Verwüstung auszuführen, welche durch dieselbe in unseren Reihen herbeigeführt würde? Hier handelt es sich nicht bloss um diejenigen unserer Söhne, welche Aerzte und Advokaten, richterliche und politische Beamte, Ingenieure, Chemiker und Techniker werden wollen, nein, meine Herren, eine solche Beschränkung greift noch viel tiefer und weiter. Nicht nur der Bankbeamte muss in der Regel, wenn er Aufnahme finden soll, eine Handels-Mittelschule besucht haben, auch für diejenigen, welche in ein Handelsgeschäft oder in ein gewerbliches Unternehmen eintreten wollen, wäre eine solche Ausschliessung von der Mittelschule durch den Hinzutritt der Bestimmungen unserer heutigen Gewerbegesetzgebung von den schwersten Folgen. Bis jetzt nämlich konnte der vorgeschriebene Befähigungsnachweis durch die Absolvierung einer Reihe solcher Schulen ersetzt werden. Das soll nun für die Hälfte unserer jungen Leute aufhören, sie sollen ihre Karriere mit dem Kehrbesen in der Hand beginnen, die Konkurrenz der Juden, der Mitbewerb der Befähigung, soll auf allen diesen Gebieten mit Gewalt unterdrückt werden. Sie sollen auch nicht mehr durch das Zeugnis auf das Freiwilligenjahr Anspruch machen können. l*