Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 20 (1908)
- Issue
- 3 (3.1908)
- Date
- 1908-03-01
- Page
- Seite 20 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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20 satz übergeben, in welchem ich gewisse Bedenken bezüglich des Zeugenbeweises geltend gemacht habe. Der Redakteur war aber selbst „bedenklich" (in anderer Richtung!) und wollte diesen natürlich zugunsten Hilsners indirekt sprechenden Aufsatz nicht nehmen. Hierauf gab ich ihn einem hervorragenden Justizbeamten zu lesen." Bosheit und Tücke, mit den raffiniertesten Kampfesmitteln der Gegenwart ausgerüstet, wählte sich ein minderwertiges Individuum aus, in der Voraussetzung, dass für ein solches Angrifisobjekt kein sonderliches Mitgefühl rege oder gar laut werden könne. Aber es wurde laut und immer lauter, und es lässt sich nicht mehr zum Schweigen bringen, weil der sanglante Hass mit seinem Attentat auf das Leben eines Schuldlosen einen Justizmord an der Existenzberechtigung des Judentums ins Werk setzen wollte, unbekümmert darum, dass er so zugleich eine Kloake in das reine Quellengebiet des hehren Christentums hineinleite, den Schöpfbrunnen des Katholizismus vergifte. Dagegen musste sich das Gewissen, das Gerechtigkeitsgefühl des Grafen Schönborn auflehnen. Als Katholik strengster Observanz, aber vornehmer, edelherziger Gesinnung, als ehrlicher Christ ein Merschenschätzer, von einer tiefen Religiosität, welche aufrichtige Gläubigkeit auch in den Angehörigen anderer Konfessionen zu achten und zu schätzen wusste, und von einem besonders Schwachen, Tieferstehenden gegenüber abgeklärten Rechtsgefühle, das sich zu dem modernen Grundsatze bekannte: „Fiat justitia et pereat mundus," mochte sich Graf Schönborn wohl von der strammen Disziplin dfr Kirche, vor der er sich in Verehrung und Bewunderung neigte, ein sacriflcio dell' intelletto abgewinnen lassen, aber zu einem sacriflcio della giustizia war er nicht zu haben. Auf einem altmexianischen Bilderschriftgemälde, welchem die biblisch geschulte Phantasie der ersten christlichen Bekebrer und Bekehrten einige Farbentöne lieh, waren zwei Darstellungen zu sehen, die an die Sprachenverwirrung beim Turmbau von Babel gemahnen. Auf einem Bilde ruht eine Menge schlafender Menschen um einen hohen Turm. Ueber den Schläfern schwebt ein Dämon mit einem Bündel verschieden geformter Zungen, im Begrifie, jedem Schläfer nine Zunge in den offenen Mund zu stecken. Auf dem anderen Bilde streben die erwachten, mit neuen verschiedenartigen Zungen bedachten Schläfer, wütend sich geberdend, nach allen Seiten auseinander. Auch in Polna, Kuttenplan und Pisek hat ein böser Geist die Menge mit gefährlichen Zungen versehen, um sie zur Leidenschaft, zur Raserei aufzupeitschen. So mag denn die noch im Tode beredte Zunge eines einwandfreien, edelrassigen Mannes, den manche Parteiführer der heillosen Bewegung zu den Ihrigen zählten, gegen jene giftgeschwellten Zungen zu Worte kommen.