Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 20 (1908)
- Issue
- 3 (3.1908)
- Date
- 1908-03-01
- Page
- Seite 12 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/9756662-9603886-9603963--1823-9603977- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
unterstützt durch die lokale Presse, den wirtschaftlichen Bodens der Juden zu untergraben und ihre sozialen Aufwärtsstrebungen zu unterbinden trachtete. Die künstliche Erschwerung der wirtschaftlichen und Erwerbsverhältnisse traf insbesondere die Juden auf dem flachen Lande und in den kleinen Städten. Hiezu kam auch noch der allgemeine Niedergang der kleinen Handelsstädte, welcher vielen jüdischen Familien die Existenzmöglichkeit entzog und sie zwang, das Land und die kleinen Städte zu verlassen und in die grösseren Städte zu übersiedeln. Aber auch viele bemittelte Personen zogen in die Stadt, namentlich wenn ihre Kinder bereits daselbst dem Studium oder einem Berufe nachgingen. Von den vielen jungen Leuten schliesslich, die alljährlich in die Stadt kamen, um einen wissenschaftlichen oder praktischen Beruf zu erlernen und auszuüben, kehrte ebenfalls naturgemäss nur ein geringer Teil aufs Land zurück. So ergab sich mit der Zeit eine- Abnahme der jüdischen Bevölkerung auf dem flachen Lande, zuerst in den reichen Gegenden (insbesondere auf der Hanna), in welchen die Bevölkerung frühzeitig aufgeklärt wurde und sich rasch vonden Juden emanzipierte, später in ärmeren Gegenden (insbesondere in der Slovakei und Wallachei), deren Bevölkerung weniger Fähigkeit und Geneigtheit besass, um die Tätigkeit der Juden auf dem Gebiete des Handels und Gewerbes selbst zu übernehmen.. Eine gemeinsame zeitliche GreDze für die BückstauuDg der Juden vom Lande in die Stadt kann nicht gezogen werden, denn diese ging in manchen Gegenden früher, in manchen später vor sich,, in manchen ist sie bisher überhaupt nicht erfolgt. Ein deutliches Zeichen für die Strömung der Juden vom Lande in die Stadt bildet die Auflösung mehrerer alter Judengemeinden in kleinen Orten, in welchen eine rapide Abnahme der jüdischen Bevölkerung erfolgte, und die Begründung neuer Kultusgemeinden in jenen grösseren Städten, in welchen die Juden erst seit dem Jahre 1848sich niedergelassen hatten. Die WanderbeweguDg der jüdischen Bevölkerung Mährens eschränkte sich jedoch nicht nur auf das Kronland selbst. Wie aus den Volkszählungen erhellt, erfolgte seit dem Jahre 1869 eine bedeutende relative und im letzten Dezennium sogar eine absolute Abnahme der jüdischen Bevölkerung Mährens. Dies ist daraus zu erklären, dass sich ein grosser Teil der mährischen Juden ausserhalb der Landesgrenzen, insbesondere in Wien, niederliess und dass die Einwanderung von Juden nach Mähren (aus Ungarn, Galizien etc.) keineswegs jene Dimensionen erreichte, um die Auswanderung zu paralysieren. Während die Gesamtbevölkerung Mährens innerhalb der Zeitperioden 1869 — 1880—1890—1900 Steigerungen von 6*75, 5*73 und 7-07% aufweist, beträgt das Zuwachsprozent unter den Juden innerhalb der ersten zwei Dezennien 2 97 und 2 6°/0i innerhalbdes letzten Jahrzehntes ist eine Abnahme von 2-34% zu ver-