Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 20 (1908)
- Issue
- 2 (2.1908)
- Date
- 1908-02-01
- Page
- Seite 20 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Korrespondenzen. Wien. (Antisemitische Beleidigungen gegen "einen Arzt.) Der im IX. Bezirk wohnhafte Arzt Dr. Ferdinand Kornfeld fuhr am 29. Dezember gegen Ii Uhr vormittags zu einem Patienten in der Brunnengasse im XVI Bezirk. Als er in diese Gasse einbog, sammelten sich die Marktleute, die dort ihre Standplätze haben, um den Wagen und wollten ihn nicht passieren lassen, weil dies nach ihrer Ansicht zur Zeit des Marktes nicht gestattet sei. Der Obsthändler Daniel Dworaczek liess, der Klage zufolge, das Fenster des Wagens herab und schrie: „So einen schäbigen Juden sollte man in unsere Gegend gar nicht hereinlassen, man soll ihm den Schädel einschlagen!w Der Arzt stieg aus dem Wagen und wollte rasch zu Fuss in das Haus des Patienten gehen. Auch jetzt noch riefen Dworaczek und seine Frau, man sollte dem Juden den Schädel einschlagen. Dworaczek titulierte den Arzt mit „Saujud!" Kürzlich fand vor dem Bezirksgerichte die Verhandlung über eine Ehrenbeleidigungsklage des Dr. Kornfeld gegen das Ehepaar Dworaczek statt. Der Einspänuerkutscher Philipp Schachner, der den Arzt führte, sagt, dass Doktor Kornfeld sofort bedroht wurde, und weiss von einem provozierenden Benehmen desselben nichts zu berichten. Eine Verkäuferin von Eiern und Butter, Magdalena Loch, sagt, dass kein Lexikon so viele Schimpfwoite habe, als gegen den Arzt fielen. Nach einer anderen Aussage schrie man: „Hepp, hepp, der Jud' ist da!" Der Richter verurteilte Daniel Dworaczek im Sinne der Klage zu 48 Stunden Arrests, verschärft mit einem Fasttage. Das Verfahren bezüglich der Frau Dworaczek wurde behufs Vorladung einer Zeugin ausgeschieden. Prag. (Vortrag, Dozent Dr. P o 11 a k.) Im „Zentralverein zur Pflege jüdischer Angelegenheiten" hielt Herr Dozent Dr. Pollak am 30. v. M. einen Vortrag über „Modernes Judentum im Morgen- und Abendlande". Anknüpfend an das im Vorjahre erschienene gleichnamige Buch Professor Obermaiers unterzog Redner zunächst die einzelnen Abschnitte dieses vielfach trefflichen Werkes, dessen Inhalt er kurz skizzierte, einer eingehenden Kritik, wobei er zahlreiche Uebertreibungen zumal in Bezug auf die Beurteilung von Uebelständen im kulturellen Leben des modernen Judentums widerlegte und auf das richtige, durch die Zeitverhältnisse bedingte Mass zurückführte. Insbesondere der heutzutage auch von sonst religiös indifferenten Juden betriebene übergrosse Totenkultus findet in den jüdischen Satzungen keine Begründung, worin der Vortragende zumeist Obermaier beistimmt, welcher in die lebensvollen Darstellungen seines Buches einen bei ihm zu Gaste weilenden Gelehrten aus Bagdad als Dolmetsch seiner eigenen Ansichten einführt und dessen Beobachtungen zum Ausgangspunkte seiner mitunter allzuherben und etwas weltfremden Kritik nimmt. Der Vortragende Dr. Pollak gibt dann auf Grund seiner in weiten Reisen selbst erworbenen Anschauungen ein farbenreiches, durch die Vorführung interessanter Erlebnisse an Plastik und Reiz noch gewinnendes Bild der Lebensführung im Morgenlande und weist auf, wie daselbst der positive Glaube, das ausschliesslich religiöse Fühlen noch vorherrschen und alle sonstigen Verschiedenheiten überbrücken, dass — wie schon Ernst Renan meint — im Gegensatze zu hellenischem Wesen Gott wirklich hier die Voraussetzung der Kulturentwicklung sei. Der Redner berührt sodann einzelne Phasen der Religionsgeschichte, verweilt insbesondere bei der Charakterisierung des Prophetentums im Gegensätze zur Piiesterkaste und setzt auseinander, wie die Religion eigentlich nicht i s t, sondern in steter Fortentwicklung immer wird, und dass auch die Zeremonialvorschriften zum mind:sten Anspruch auf Achtung haben, weil gerade die vielfach um die grundlegende Lehre sich emporrankenden Formen und Bräuche, die zunächst nur für die jeweilige Zeit gedacht waren und zumeist auf mündlicher Tradition beruhten, das Judentum bis auf die Gegenwart unversehrt erhalten haben und auch heute — ganz abseits von Fragen der Orthodoxie oder Reform — noch einen