Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 20 (1908)
- Issue
- 2 (2.1908)
- Date
- 1908-02-01
- Page
- Seite 19 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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19 In der Sitzung des Gemeinderates vom 11. d. M. stellte GR. Dr. Hein folgende Anfrage: „In dem Uebereinkommen über die Erwerbung der Internationalen Elektrizitäts-Gesellschaft erklärte die Gemeinde Wien, dass sie 75 Prozent jener Beamten, welche österreichische Staatsbürger sind, in den Gemeindedienst übernehme. Die jüdischen Beamten der Elektrizitäts-Gesellschaft, welche die österreichische Staatsbürgerschaft erwerben wollten, wurden aber mit ihren Gesuchen um freiwillige Aufnahme in den Gemeindeverband ausnahmslos abgewiesen. Ebenso hat der Stadtrat den bisherigen jüdischen Beamten der Gesellschaft ohne Rücksicht auf lange Dienstdauer und ohne Rücksicht auf erprobte Verlässlichkeit und Verwendbarkeit die Uebernahme verweigert; da durch dieses Vorgehen viele pflichteifrige Beamte der Gesellschaft, welche auch der Gemeindeverwaltung ausgezeichnete Dienste geleistet hätten, um ihre Existenz gebracht und auch die Gemeindeinteressen geschädigt werden, stelle ich die Anfrage: Wie vermag der Herr Bügermeister die ungerechte und brutale Ausschliessung der bisherigen jüdischen Beamten der Internationalen Elektrizitäts- Gesellschaft von der Uebernahme durch die Stadtverwaltung zu rechtfertigen? Die Antwort des Vizebürgermeisters Dr. Porzer lautete ausweichend. Gelogen wie gedruckt. Antisemitische Blätter brachten Ende Jänner folgende Notiz : Jüdische Leichenschänder. Im Dorfe Belchatow in Galizien fand man an der Mauer des jüdischen Friedhofes den vom Rumpfe abgeschnittenen Kopf eines jungen Mädchens. Man erkannte an demselben die Tochter des Friedhofaufsehers, die vor einigen Tagen starb Die eingeleitete Untersuchung stellte fest, dass die Leichenschänder vier junge Juden waren, welche dem Aberglauben gemäss, dass ein von der Leiche eines jungen Mädchens abgeschnittenes Ohr den Besitzern desselben Glück bringe, nachts die Leiche ausgruben und den Kopf abschnitten, den sie sodann nach Lostrennung der Ohren unterhalb der Friedhofsmauer hinwarfen. Die betreffenden Juden wurden festgenommen." Der Wert dieser Räubergeschichte wird durch die Tatsache gekennzeichnet, dass es weder in Galizien noch sonst in Oesterreich ein Dorf namens Belchatow gibt. Die Leichenschändung durch Juden erweist sieh somit als eine freie Erfindung irgend eines zeilenhungrigen antisemitischen Reporters.