Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 20 (1908)
- Issue
- 2 (2.1908)
- Date
- 1908-02-01
- Page
- Seite 17 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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17 den jüngsten derartigen „Fall". In der Mostawagasse Nr. 8 wohnte der jüdische Kaufmann A. Widerschall mit seiner fünfzehnjährigen Tochter Fianja, die eine Mittelschule besucht hatte. Am 18. Dezember ging das Mädchen wie gewöhnlich in die Schule, kehrte jedoch weder Mittags noch Abends ins Elternhaus zurück. Unter den Schulheften des Mädchens fand man den Brief eines gewissen Nowakowsky, der bis vor kurzem im Hause Widerschall bedienstet war, aus welchem hervorging, da^s er sich nur zu dem Zwecke in das Haus des Juden eingeschlichen hatte, um seine Tochter in ein Kloster zu entführen. Aus diesem Briefe erfuhren nun die Eltern, dass Franja Widerschall in das unweit von Warschau im Dorfe Wiljanow gelegene und unter Aufsicht der „Barmherzigen Schwester" Ludowica stehende „Pensionat für katholische Mädchen" gebracht worden sei. Die Eltern fuhren nach Wiljanow, verlangten eine Zusammenkunft mit ihrer Tochter, die ihnen jedoch verweigert wurde. Nun wandten sich die ihrer Tochter beraubten Eltern an einen Advokaten, dem es gelang, von dem Beichtvater der Anstalt ein Empfehlungsschreiben an die Oberin zu erhalten, in welchem diese aufgefordert wurde, den Eltern eine Zusammenkunft mit ihrer Tochter zu gestatten. Mit diesem Briefe ausgerüstet, gingen die gramgebeugten Eltern wieder nach Wiljanow. Der Brief wurde ihnen abgenommen, aber der Einlass in das „Pensionat" verweigert. Sie sollten vor der Klostertüre auf Antwort warten. Plötzlich öffnete sich ein Fenster und ein Zettel fiel vor den vor Angst und Hoffnung zitternden Eltern auf die Erde. Hastig griff Widerschall nach dem Zettel: In polnischer Sprache standen darauf die Worte : „Ich will Euch nicht mehr sehen! Franja". Widerschall schrie und tobte in seiner Verzweiflung und beteuerte, dpss seine Tochter diese Botschaft nicht habe freiwillig schreiben können, da sie der polnischen Sprache gar nicht mächtig sei. Schon wollten die schluchzenden Eltern unverrichteter Dinge von dannen ziehen, da öffnete sich abermals ein Fensterflügel und die Stimme Franjas ward hörbar, die in reinem Jargon herunterrief: „Ich habe es freiwillig getan, Niemand hat mich dazu gezwungen!" Im nächsten Momente antwortete ein herzzerreissender Aufschrei der Mutter, sie fiel ohnmächtig zu Boden. Merkwürdig an der Geschichte ist, dass der seiner Tochter beraubte Widerschall selbst bei den sogenannten liberalen Warschauer Blättern vergebens anklopfte und ohne jeden Erfolg um ihren publizistischen Schutz bat. Nur die „Nowa Gazeta" verurteilte den Vorfall in heftigen Worten, und das jüdisch-polnische Blatt „Israelita" hat sich der Familie Widerschall angenommen. Zum Schlüsse sei noch erwähnt, dass die Entführung jüdischer Mädchen ins Kloster so sehr überhandgenommen hat, dass sich in Warschau ein „Jüdischer Frauenverein zur Befreiung entführter Mädchen" gebildet hat, der nun die Affäre Widerschall in Behandlung nahm.