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Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1908-02-01 · 2 (2.1908) · p. Seite 6

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Journal
Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
20 (1908)
Issue
2 (2.1908)
Date
1908-02-01
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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6 brauchen. „Jude sein, heisst, als den Grund des Daseins, als den Halt der Welt den einig-einzigen Gott bekennen. Das ist der Kern der Sache; das ist auch das einzige Herz der Sache. Man täusche sich nicht, als ob die jüdische Sache noch einen anderen Herzpunkt hätte oder haben könnte und dürfte. Israels Recht auf geschichtliches Dasein steht und fällt mit seinem einig-einzigen Gotte. Wessen Kopf nicht durchleuchtet ist von diesem Grundgedanken, der kann mancherlei von jüdischer Art geistig und sittlich besitzen, es fehlt seinem Wesen aber der Schwerpunkt. Daher muss die Existenz des Juden in der modernen Kultur haltlos, schwankend, zweideutig werden, wenn nicht dieser Leitstern aus allem seinen Denken, Fühlen und Handeln hervorleuchtet : dass er mit ganzer Seele an den Gott der Geschichte glaubt, den die Propheten offenbart haben. Der Gott Israels ist in der messianischen Idee offenbart worden, er ist der Gott der Weltgeschichte. Das ist die Wurzel unseres Glaubens, die Quelle unserer Ethik." Der Vortragende führt in die Tiefe gehend aus, dass unser grosses Schrifttum keinen Augenblick im Widerspruch steht mit der freien Forschung; denn auf welche Stelle man immer auch hinweisen mag, jeder Theologe wird antworten müssen: Keinen anderen Zweck hat die Bibel, keinen anderen Zweck die heilige Schrift, als einzig und allein hinzuweisen auf Gott und über ein sittlich-vollendetes jüdisches Leben zu belehren. Das wird an zahlreichen Beispielen erwiesen. Wenn man nun fragt, was denn die ganze Last der Glaubensgesetze bedeute, so entgegne ich : Diese Last war den Juden nie eine Last, denn es gibt kein Gesetz und keine Zeremonie, für die sich nicht ein sittlicher Untergrund finden Hesse. Die Gesamtordnung des jüdischen Menschenlebens, des Individuums sowohl wie der Gemeinschaft, soll durch diese Normalien gründlich geregelt werden. Und wenn sie sich fragen, ob die jüdische Religion Thesen aufstelle, die mit dem philosophischen Denken zusammenzubringen unmöglich sei, so müssen sie sich selbst mit Nein antworten. Für jedes philosophische Forschen gewähren Thora und Talmud vollständige Freiheit. Und auch für das historische und naturwissenschaftliche. Denn schon Talmud und Midrasch tragen deutliche Zeichen streng wissenschaftlicher Kritikversuche an sich. Die Thora bleibt Thora, auch wenn sie in hundert Teile zerlegt wird, auch wenn die Forschung beweisen will, dass sie aus spätester Zeit stammt. Sie hat den einzigen Zweck, den ■sittlichen Gottesbegriff festzustellen und Vorschriften für ein jüdisch-sittliches Leben zu geben. Ich bestreite aber, dass der Glaube an Gott einen Angriffspunkt für die freie Forschung bilden kann, die auch die Forschung über Gott als frei gelten lassen muss. Der einzige freie „Glaub e" ist das Judentum." (Stürmischer, langanhaltender Beifall.)

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