Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 20 (1908)
- Issue
- 2 (2.1908)
- Date
- 1908-02-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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i verständlich; denn es wäre absurd, von einer Nation als solcher zu behaupten, dass sie der Wissenschaft und der Freiheit ihrer Lehre feindlich sei. Wenn wir nun das Judentum als Keligion erklärt haben, so kommen wir zu der Frage: Wo setzt sich diese Religion in Widerspruch mit der freien Forschung, was ist in ihrer Grundlehre, der Bibel, der freien Forschung hinderlich? Wir können da vom Standpunkte des orthodoxen Juden absehen, für den es gar keine Frage ist, dass Gott es ist, der die Gesetze, der die Thora gegeben hat, usw. Diese Seite des Judentums hat nicht die Pflicht, doch auch das Streben sich mit den Ergebnissen der freien Forschung auseinanderzusetzen. Wir müssen aber auch für diejenigen, die die unbedingte Wahrheit dieser Dinge nicht anerkennen, eine Lösung finden. Ich behaupte nun, dass das Judentum jeder freien Forschung die Türe öffnet. Der Glaube an einen Gott ist das einzige, was das Judentum als Religion voraussetzt. Es gibt sonst kein einziges Gesetz, noch weniger ein Dogma, das mit gleicher Unbedingtheit zur Religion gehört. Wenn Sie mir aber sagen, dass das genüge, um im Judentum den Weg zur freien Forschung zu verlegen, so entgegne ich Ihnen, dass gerade die Philosophie der Gegenwart zum <3ottesbegriff zurückkehrt. Ich entgegne, dass der Dogmatismus der materialistischen Weltauffassung an die Gläubigkeit seiner Bekenner keine geringen Forderungen stellt. Jerusalem sagt: „Das Weltall erscheint uns als Werk eines mächtigen, unendlichen Willens, dessen Kraftäusserung eine konstante ist. Erst dadurch aber erhält unser Weltbild den wünschen werten Abschluss. Dieser mächtige Wille ist der Urgrund für Materie und Geist. Die Naturgesetze sind seine Gesetze. So gelangen wir durch Anwendung der an der Erfahrung bewährten Urteilsfunktion auf das Weltganze zu einer unseren Erkenntnistrieb befriedigenden Weltanschauung, in der auch der Gottesbegriff seine Stelle findet." Betrachten wir nun das Weltall als eine Kraftäusserung, so haben wir diese Kraftäusserung auf ein Kraftzentrum zurückzuführen, das Gott ist. Das Subjekt zum Prädikat Welt ist Gott. Darwin selbst ist ein Beweis dafür, dass seine Theorien den Glauben an einen Schöpfer nicht ausschliessen und auch nicht ausschliessen wollten. Keine Theorie von der Weltentstehung muss uns des Rechtes entheben, zu glauben. Nehmen wir nun einen göttlichen Intellekt und einen göttlichen Willen an, so erhält unsere Weltanschauung einen ebenso schönen als befriedigenden Abschluss. Einer der bedeutendsten Denker der Gegenwart spricht über Gott, wie das Judentum ihn anbetet, folgendermassen: „Nur sittliche Attribute dürfen von Gott angenommen werden." So bestimmt es der Talmud, so lehrt und begründet es Maimonides. Von Gottes Wesen darf uns nur das interessieren, was wir für die Ethik