Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 20 (1908)
- Issue
- 2 (2.1908)
- Date
- 1908-02-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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letzten Reichsratswahlen in Wien eine neue „deutsch-demokratische Partei" gebildet, die eine grosse Rührigkeit entfaltet. Es ist zwar eine sonderbare Interessenverschmelzung, wenn man einerseits den Prinzipien der Demokratie zum Durchbruche verhelfen und anderseits den „deutschen Besitzstand" wahren will. Der Nationalismus hat stets den Steigbügel gehalten, wenn die klerikal-feudale Reaktion sich in den Sattel setzen wollte. Aber man wollte angeblich mit der Wahrung des deutschen Besitzstandes die antiklerikalen Deutsch-Nationalen gewinnen und so Hess man die Zwiespältigkeit des Programmes ohne Widerspruch hingehen. Schlimmer war es schon, als die Deutsch-Demokraten anfingen, gewisse konfessionelle Unterscheidungen zu machen. Natürlich auch nur ad majorem Dei gloriam! Um den Vorwurf der „Verjudung" von der neuen Gruppe fernzuhalten, durften in den Vorstand derselben nur — getaufte Juden eintreten. Um den christlichsozialen Antisemitismus desto wirksamer zu bekämpfen, nahmen die Deutsch- Demokraten freiwillig den Schein des — Asemitismus auf sich. Im Uebrigen aber bestehen die Versammlungen der „Jungliberalen" ebenso zum grössten Teil aus Juden, wie die der „Altliberalen", denen man nebstbei den Krieg erklärte. Wir setzen bei den Herren den besten Willen und die ehrlichsten Absichten voraus, aber es wäre ein verhängnisvoller Fehler, diesen häuslichen Krieg und dieses Versteckenspiel in der konfessionellen Frage fortzusetzen. Es könnte leicht der Fall sein, dass man den gegenwärtigen Anhang verliert, jene Bevölkerungsschichten aber nicht gewinnt, denen man bisher nachging. Wir warnen davor, in unser öffentliches Leben die neue Fiktion zu tragen, als ob die freisinnige Partei beispielsweise des Aisergrund aus anderen Elementen bestehe als jene der Inneren Stadt und der Leopoldstadt. Wir warnen aber insbesondere vor einer Zerklüftung der fortschrittlichen Wählerschaft. Es gibt heute nur eine einzige Parole: „Nieder mit den Gegnern!' Und es gibt nur eine einzige Ordre de bataille: „Vereinigung aller freiheitlich denkenden Männer Wiens!" Alle programmatischen Differenzen, alle persönlichen Animositäten müssen für die Dauer dieses Kampfes znrückgestellt werden. Wer gegen dieses oberste Postulat handelt, beweist damit nur, dass er vielleicht ein guter Kombattant, aber gewiss nicht zum Führer berufen ist. Judentum und freie Forschung. Mittwoch den 22. Jänner d. J. fand im grossen Saale des „Hotel Guth" eine Versammlung der „Oesterreichisch-Israelitischen Union" statt, auf deren Tagesordnung ein Vortrag des Herrn Rabbiners Dr. Feuchtwang über „Judentum und freie Forschung" gesetzt war. Das infolge der Vorgänge der letzten 1*