Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 20 (1908)
- Issue
- 2 (2.1908)
- Date
- 1908-02-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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und der Aufhebung der Sprachenverordnungen in gleichem Masse , beteiligt waren? Oder soll er sich als politisches Neutrum geben und durch Stimmenthaltung auf sein staatsbürgerliches Recht ganz verzichten? Wir können angesichts dieser Zwangslage nur immer wieder betonen, dass die jüdische Wählerschaft überall und daher auch in Prag nur das eigene Interesse zu wahren und nicht die Geschäfte dieser oder jener Partei, dieser oder jener Nationalität zu besorgen hat. Glücklicherweise ist es den Juden der Prager Altstadt leicht gemacht, ihre Entscheidung in diesem Sinne zu treffen. Um eines der beiden Mandate bewirbt sich der Abgeordnete Masaryk. Dieser Name bezeichnet einen Mann, der das Prinzip der Gerechtigkeit und der absoluten Vorurteilslosigkeit in konfessionellen Dingen repräsentiert. Die jüdischen Wähler der Prager Altstadt sollen weder deutsch noch tschechisch, weder „liberal" noch „konservativ", noch „realistisch" wählen — aber wenn sie Masaryk ihre Stimmen geben, so haben sie in ihm einen edlen, hochsinnigen, warmherzigen Menschen gewählt, dem die Juden nicht mehr und nicht weniger bedeuten als die Christen, der nicht für oder wider Sem ist, sondern dem die volle Gleichberechtigung der Juden eine Forderung jener höchsten Kultur ist, in deren Zeichen er sich mit den hochstrebenden Geistern aller Nationen vereinigt. Die Wiener Gemeinderatswahlen bieten ein wenig erfreuliches Bild. Es handelt sich um den dritten Wahlkörper, welcher von den Christlich-Sozialen fast ausschliesslich beherrscht wird. Nur im I., II. und IX. Bezirk, wo ein starker Bruchteil jüdischer Wähler in Betracht kommt, haben die freisinnigen Parteien den Kampf aufgenommen. Parteien? Ja wohl, die dezimierte Schar des Freisinns gestattet sich den Luxus eines Plurals und mehr noch, es gibt angesichts eines starken, rücksichtslosen, wohldisziplinierten Gegners auch noch erbitterte Fehden und Rivalitäten im eigenen Lager. Man streitet um programmatische Subtilitäten, um persönliche Animositäten. Roma deliberante Saguntum periit! In der Inneren Stadt wurde die Ungeheuerlichkeit, dass die freisinnige Wählerschaft vor zwei fortschrittliche Kandidatenlisten gestellt werde, noch glücklich verhindert, in der Leopoldstadt ist diese tragikomische Eventualität nicht zu vermeiden. Und da sei uns einmal ein offenes Wort gestattet. Das öffentliche Leben in Oesterreich ist getränkt von Fiktionen. Die Gleichheit aller Staatsbürger vor dem Gesetze, die konfessionelle Gleichberechtigung, die Freiheit der Wissenschaft und ihrer Lehre, die Unabhängigkeit des Richterstandes — das alles steht nur auf dem Papiere. Selbst das Volkshaus des allgemeinen Wahlrechtes ist eine Fiktion, denn die Wahlkreiseinteilung hat den Segen des allgemeinen Wahlrechtes zunichte gemacht. Auch dass wir je eine wahrhaft liberale Partei hatten, war eine Fiktion. Nun hat sich seit den