Mannheim
Compact Memory

Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1908-01-01 · 1 (1.1908) · p. Seite 33

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
20 (1908)
Issue
1 (1.1908)
Date
1908-01-01
Page
Seite 33 (sequence 36)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/9756662-9603886-9603887--1765-9603920
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

33 verfasst, sondern einem österreichischen Blatte entnommen hat, ohne, wie er versicherte, den Privatkläger persönlich zu kennen und treffen zu wollen. Wen er mit der Verwertung der böhmischen „W anzenstiche" zur angeblichen „r i t uellen Blutabzapfung" doch treffen wollte, ist zwar unverkennbar, indessen hat Herr Lederer von weiteren Schritten abgesehen, da der Redakteur der „Deutschen Hoch wacht" jedenfalls hinreichend Kosten und Aerger gehabt hat, um ihm die Verkennung „böhmischer Wanzenstiche" für immer zu verleiden. Jüdische und arische Moral Die Taktik der antisemitischen Presse macht erfreuliche Fortschritte. Sie hat früher den Juden alle möglichen und unmöglichen, schlechten Eigenschaften an den Kopf gelogen. In tausend und abertausend Fällen, wo Juden verbrecherischer oder doch wenigstens unmoralischer Handlungen beschuldigt wurden, mussten die antisemitischen Blätter, gezwungen durch unser Rechtsschutzbureau, sich zu einem Widerruf und zur Konstatierung der Wahrheit bequemen. Da die Verdächtigung und Verleumdung ehrlicher Juden sich immer schwieriger gestaltete und da doch die jüdische Verderbtheit dem Lesepublikum durch praktische Beispiele illustriert werden muss, wird jeder getaufte Jude und jeder Christ mit nicht ganz arisch klingendem Namen, die mit den Gerichten in Konflikt geraten, dem Judentum aufs Kerbholz geschrieben. So hat das „Deutsche Volksblatt" in Wien und nach ihm die gesamte antisemitische Provinzpresse den fixen Kasseneinbrecher vom Wiener Arsenal, Leopold Goldschmidt, zu einem „jüdischen" Gauner gestempelt, obwohl der talentvolle Jüngling ein unverfälscht arischer Christ ist und — wollte man das von den Antisemiten gebotene Beispiel der Verallgemeinerung nachahmen — ausschliesslich auf das Konto arischer Ehrlichkeit und Moral gesetzt werden muss. Andere Blätter, so insbesondere die „Egerer Neuesten Nachrichten" haben den Skandalprozess Harden-Moltke, in welchem übrigens das „Reich der Gottesfurcht und frommen Sitte" in eine sehr bedenkliche Beleuchtung gerückt wurde, zum Anlass genommen, um für das Auftreten des Apostaten H a r d e n, alias W i t k o w s k i, das Judentum verantwortlich zu machen und von einem rassenjüdisch-jesuitischen Komplott zu sprechen; das Laster, das in diesem Prozesse öffentlich besprochen wurde, wird ein „orientalisches" genannt, obwohl es bei allen arischen Völkern, bei Syrern, Persern, Griechen, Römern und — Germanen, nur nicht bei Juden geübt wurde. Wir haben selbstverständlich nicht die mindeste Veranlassung, uns der persönlichen Ehre des getauften Juden Harden anzunehmen, zumal derselbe in seiner „Zukunft" der Gewohnheit 3

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.