Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 20 (1908)
- Issue
- 1 (1.1908)
- Date
- 1908-01-01
- Page
- Seite 21 (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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21 zum Ziele sei, wahrscheinlich sogar der einzige Weg zum Ziele. Denn das eine war klar: das politische Ziel war schnell erreichbar nur unter der Voraussetzung, dass die zionistische Agitation sehr bedeutende Geldmittel in die Hand der Führer legte. Das war nicht geschehen. Dagegen hatte sie immerhin sehr bedeutende Menschenmassen auf den Gedanken eingeschworen. Man konnte sich also nur dieser Menschenmassen als des Mittels zum Ziele bedienen. Konnte man nicht durch die Finanzkraft von aussenher den Charter erkaufen, so musste man ihn durch die Arbeitskraft von innenher friedlich erobern. Man musste massenhaft produktive Arbeitskräfte, vor allem Bauern, aber auch Handwerker und Industriearbeiter in das Land hineinbringen, ihnen doit Grund und Kapital schaffen, um sie mit dem Lande zu verwurzeln, und das so lange fortsetzen, bis man als Mehrheit der Provinzialbevölkerung mit der türkischen Regierung verhandeln könnte. Einmal soweit gekommen, würde man auch auf die der Bewegung immer bewiesene Freundschaft der englischen Regierung rechnen dürfen, die als grösste Handelsmacht des Mittelmeeres und als unmittelbarer Grenznachbar das höchste Interesse daran haben musste, das Gebiet des Heiligen Landes von einer gewerbs- und kaufkräftigen, zivilisierten und friedlichen Bevölkerung eingenommen zu sehen. Diese Tendenz stiess zuerst auf den heftigen Widerstand der „Politiker". Der Zionismus halte sieb gerade als Bewegung derjenigen Gruppe gegründet, die die Kleinkolonisation aus Wohltätigkeitsgründen völlig verwarf. Ihr Zweck war lediglich die Grosskolonisation gewesen. Aber dieser Widerstand wurde allmählich schwächer und schwächer, und zwar aus zwei Gründen. Den einen haben wir schon genannt: es war die auch hartnäckigeren Gemütern sich immer mehr aufzwingende Erkenntnis, dass der politische Weg nicht zum Ziele führen könnte. Der zweite Grund aber ist die im gleichen Masse wachsende Erkenntnis, dass eine richtig angelegte Kleinkolonisation die notwendige Vorbedingung, der Keim sozusagen jeder Grosskolonisation sein müsse. Der Zionismus hat nämlich für ein Siedlungswerk grössten Ranges das eine Requisit in überreichem Masse, die Menschen, das andere aber in völlig ungenügendem Masse, das Kapital. Dieses Kapital lässt sich, das hat die mehr als zehnjährige Geschichte der Bewegung gelehrt, auf dem AVege der freiwilligen Gaben nicht erlangen. Man kann es nur auf dem Wege des Kredites in genügendem Masse erhalten. Und zu dem Zwecke muss man das schaffen, was Schulze-Delitzsch sehr glücklich als „Kreditbasis" bezeichnete. Mit anderen Worten : die geringen vorhandenen Mittel müssen eingesetzt werden, um in einigen Musterexperimenten zu erproben, ob das Menschenmateria), das der Zionismus zu Ansiedlungszwecken zur Verfügung hat, nach Palästina verpflanzt, wirtschaftliche Unternehmungen zu schaffen