Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 20 (1908)
- Issue
- 1 (1.1908)
- Date
- 1908-01-01
- Page
- Seite 18 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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18 daher überall ebenso unwillkommen sind, wie Landarbeiter willkommen. Herzl fand denn auch überall Sympathie und sogar einige Förderung. Der gefürchtete Plehwe, Russlands Polizeiminister, und eine ganze Reihe von Potentaten waren bereit, die Bewegung bei der türkischen Regierung zu empfehlen. In dieser Beziehung hatte Herzl sich nicht verrechnet. Wohl aber in einer andern! Er rechnete darauf, dass die von ihm mit dem Einsätze seiner ganzen gewaltigen Kraft eingeleitete Bewegung äusserst schnell so viele Menschen und vor allem materielle Mittel auf die Beine bringen würde, dass es ihm möglich sein würde, mit der türkischen Regierung sozusagen von Macht zu Macht zu verhandeln, mit anderen Worten, dass er den Charter durch sehr bedeutende Gegengaben schon in der Gegenwart, nicht bloss durch Versprechungen und Aussichten für die Zukunft, würde erkaufen können. Und in dieser Beziehung verrechnete er sich. Dem Kenner der Sozialgeschichte drängt sich der Vergleich mit Ferdinand Lassalle auf, dem Theodor Herzl als Kulturpersönlichkeit und Agitator vergleichbarer ist, als sonst irgend ein anderer. Auch Lassalle glaubte, durch seine gewaltige Agitation die deutsche Arbeiterschaft binnen kürzester Zeit in so grossem Massstab^ unter seine Fahnen bringen zu können, dass er mit der Regierung Preussens von Macht zu Macht verhandeln könnte. Und auch er verrechnete sich — und auch er ging an diesem Rechenfehler zugrunde. Bei seinem Tode hatte der von ihm gegründete allgemeine deutsche Arbeiterverein die Ziffer von etwa 10.000 erreicht! Die Ziffer, die Herzls Gefolgschaft fast sofort erreichte, war im Gegensatze dazu imponierend genug, aber sie repräsentierte ebensowenig eine politische Macht von Bedeutung, wie die „paar Männerchen" Lassalles. Denn der Zionismus biauchte für seine politische Aktion weniger Menschen, als Mittel, und die flössen auch aus der grossen Gefolgschaft in allzu geringem Masse, viel geringer, als Herzl gehofft hatte. Der ausserordentlich geringe Parteibeitrag, den er festgesetzt hatte, um die bitterarmen jüdischen Proletariermassen nicht am Beitritte zu verhindern, der „Schekel" von 1 Mark jährlich, genügte noch nicht einmal, um die laufenden Ausgaben der Organisation zu decken; es stellte sich nach Herzls frühem Tode heraus, dass er in grossartiger Opferfreudigkeit einen grossen Teil seines Vermögens geopfert hatte. Und die von Herzl geschaffenen finanziellen Organisationen, die ihm Instrumente der politischen Macht werden sollen, die unter dem Namen Jewish Colonial Trust in London domizilierte Nationalbank und der aus freiwilligen Spenden zusammengebrachte „Nationalfonds", eine für den Ankauf von Grund und Boden in Palästina bestimmte Summe, blieben im Verhältnisse zu der Ziffer der Gefolgschaft und zu den zu lösenden Aufgaben fast lächerlich klein. Heute, nach zehnjähriger Agitation, dürfte die der zionistischen Bewegung zur