Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 20 (1908)
- Issue
- 1 (1.1908)
- Date
- 1908-01-01
- Page
- Seite 17 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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17 befindet; es handelt sich nämlich hier fast ausschliesslich um rassische Sozialisten, und die haben natürlich die allgemeine proletarische Klassenstimmung. Ihnen erscheint jeder Nationalismus als rückständig, sie sind inter- oder anational. Da sie ohnehin durch ihren Anschluss an den Zionismus sich nur der Verwirklichung ihrer sozialistischen Ideale anzunähern strebten, ist ihnen selbstverständlich die Oartlichkeit gleichgültig, auf der das sozial vollkommene Gemeinwesen zu errichten ist. Nun darf man aber nicht etwa annehmen, dass mit der Abtrennung der Territorialisten eine reinliche Scheidung in dem Sinne eingetreten sei, dass die zurückbleibende zionistische Kernschar nun völlig einheitlicher G-esinnung sei. Davon kann gar keine Rede sein. Es sind unzählige zurückgeblieben, die sich dem Territorialismus nur aus dem Grunde nicht angeschlossen haben, weil sie die Zerspaltung der an und für sich schon nicht allzu leistungsfähigen Partei für einen schweren taktischen Missgrifi hielten, die aber gewiss in dem (wahrscheinlich leider noch sehr entfernten) Zeitpunkte sich Zangwill anschliessen werden, wo es ihm wirklich geglückt ist, irgendwo unter günstigen politischen Bedingungen brauchbares Siedelland von genügendem Umfange zu erhalten. So hat die territorialistische Sezession im wesentlichen nur das eine hervorgebracht, den westeuropäischen Flügel der Partei zu schwächen; und natürlich musste das oben geschilderte Uebergewicht des östlichen Romantizismus dadurch noch gesteigert werden. * * * Diese Andeutungen dürften genügen, um die Gegensätze zu kennzeichnen, die innerhalb des Zionismus in bezug auf die ferneren Ziele bestehen. Ich wende mich jetzt zu einem andern Gegensatz, einem solchen der Taktik, der sich auf das beste Mittel zu dem ersten Ziele bezieht. Zu Anfang wurde der Zionismus von Herzl als eine politische Bewegung mit einem rein politischen Ziele gegründet. Er hatte die Hoffnung, durch Mithilfe der Mächte von der Türkei einen Freibrief, einen „Charter", zunächst auf einen Teil von Palästina oder Syrien zu erhalten, einen Charter, der dem neu geschaffenen Gemeinwesen die Selbstverwaltung unter der türkischen Suzeränität gewährte, wobei ihm die Verfassung von Samos und dem Freistaate im Libanon als Muster vorschweben mochten. Er rechnete auf die Mitwirkung der Mächte, auch Russlands, mit vollem Rechte, weil Russland ein ebenso grosses Interesse daran zeigte, das unbequeme „Fremdvolk" loszuwerden, wie das Interesse der Weltmächte dahin ging, die von Jahr zu Jihr ansehwellende Masseneinwanderung der östlichen Juden eiuigermassen abzudämmen. Denn man darf nicht vergessen, dass es sich hier fast durchweg um die Einwanderung industrieller Proletarier handelt, die einen höchst unangenehmen Druck auf die lokalen Arbeitsmärkte ausüben und 2