Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 20 (1908)
- Issue
- 1 (1.1908)
- Date
- 1908-01-01
- Page
- Seite 16 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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16 „ Ansiedlungsrayons'', lange nicht so weit entfernt sind, wie die Westeuropäer und weil die Kultur ihrer Staaten der osteuropäischen Barbarenkultur noch wesentlich näher steht. Sie empfinden sich also als Nationaljuden und je nach Herkunft, Tradition, Bildungsgrad, sozialer Stellung, Wohnort usw. je nachdem mehr als Kulturjuden oder als Kulturdeutsche usw. Nun war es nicht anders möglich, als dass auf die Länge in der zionistischen Partei die Stimme der Osteuropäer diejenige der Westeuropäer überwog. Denn sie mussten natürlich das Gros der Armee stellen, da sie erstens die eigentlichen Massen der Gesamtjudenschaft darstellen und zweitens als Folge des auf ihnen lastenden unverhältnismässig stärkeren Druckes auch noch in viel grösserer relativer Anzahl und mit viel grösserem Eifer sich den leitenden Gedanken widmeten. Und so hat denn in steigendem Masse, namentlich seitdem Herzls Hand nicht mehr bändigend wirken kann, der spezifisch osteuropäische Nationalismus der gesamten Bewegung die Färbung gegeben; die Erweckung und Stärkung des „Nationalbewusstseins" wird mehr und mehr allen Anhängern der Bewegung zur höchsten Parteipflichl gemacht. Die Osteuropäer, völlig ausserstande, den ganz anders motivierten Westeuropäer in seiner Psychologie zu verstehen, verlangen, dass er in ihre Haut krieche, ihre Psychologie annehme, eine Zumutung, die er auch mit dem besten Willen unmöglich erfüllen kann. Mancherlei Dinge, die in den letzten Jahren unliebsames Aufsehen gemacht haben, sind auf diese Färbung der ursprünglich rein praktischen Bewegung mit diesen nationalistischen, häufig genug chauvinistischen Strömungen zurückzuführen. Vor allem liegt hier die tiefste Wurzel der Spaltung, die vor einiger Zeit einen Teil der äussersten Linken zum Abfalle von der ursprünglichen Gruppe geführt hat. Die „Ito", die Jewish Territorialistical Organization, geht unter des berühmten Dichters Zangwill Führung ihre eigenen Wege. Sie will immer noch die Ansiedlung des jüdischen Volkes in rechtlich gesicherten Heimstätten, aber sie hat das örtliche Ziel aufgegeben; es ist ihr gleichgültig, in welchem Erdteile und unter welcher Oberhoheit diese Ansiedlung erfolgen soll. Die äussere Ursache zu dieser Spaltung gab die Ablehnung des Angebotes der englischen Regierung, die der zionistischen Bewegung ein Hochplateau in der Kolonie Uganda zur Verfügung stellte. Die innere Ursache aber liegt augenscheinlich darin, dass den westeuropäischen Juden die spezifischen, aus seinem National- und Kulturjudentum Iiiessenden Bedürfnisse der osteuropäischen Juden unverständlich waren. Es war die erste Absonderung des extremen Opportunismus von dem Romantizismus, der bei vielen Oestlern gerade auf dem Lande der Väter besteht. Man wende g^gen diese Deutung nicht ein, dass ch unter den Territorialisten eine ganze Anzahl von Russen