Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 20 (1908)
- Issue
- 1 (1.1908)
- Date
- 1908-01-01
- Page
- Seite 15 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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15 sie umgebenden Völker erfüllt, sind ausgesprochenermassen Kulturdeutsche, Kulturfranzosen usw. Da sie aber auch die Bürgerrechte ihres Heimatstaates mit mehr oder weniger Vollständigkeit gemessen, so sind sie auch mehr oder weniger Nationaldeutsche, Nationalfranzosen usw. Wieweit sie sich mit ihrem Heimat Staate als politische Wesen identifizieren, das hängt ausser von der spezifischen Judenpolitik dieses Staates, das heisst von der mehr oder minder vollständigen Durch!ührung der verfassungsmässig gewährten Gleichberechtigung und der mehr oder minder vollständigen gesellschaftlichen Rezeption, auch noch von der Klassenlage des einzelnen entscheidend ab; auch der christlich-arische Staatsbürger bejaht ja den Staat stärker, ist entschiedenerer „Patriot", wenn er Mitglied der den Staat beherrschenden und ausbeutenden Klasse, als wenn er Proletarier ist. Von allen diesen Dingen hängt es ab, ob einer dieser westeuropäischen Juden dem einen Endpunkte der möglichen Skala, dem Chauvinismus, oder dem andern, dem Internationalismus und Kosmopolitismus, näher steht. Die Kraft der in der einzelnen Familie noch geltenden religiösen Tradition, die philosophische Weltanschauung des einzelnen wirken natürlich mit, um ihn mehr nach der einen oder nach der andern Seite zu drängen; aber Nationaljude in demjenigen Sinne, wie es der russische oder rumänische Glaubensgenosse sein m u s s, kann der westeuropäische Jude unmöglich sein. Er gehört eben keiner Jüdischen Nation" an, wie dieser. Eine eigentümliche Mittelstellung zwischen diesen beiden extremen Flügeln des zionistischen Heeres nehmen die Juden derjenigen Länder ein, in denen keine einheitliche „Nationalität" besteht, sondern in denen mehrere „Nationalitäten" miteinander um die Vorherrschaft ringen. Das sind Oesterreich-Ungarn und die polnischen Landesteile Preussens. Hier maskiert sich der Kampf der Nationalitäten, das heisst soziologisch gesehen, der Sprachen und Kulturen, als Rassenkampf: Polen, Tschechen, Deutsche, Magyaren, Slowenen, Italiener usw. empfinden sich selbst als Menschenrassen verschiedener Herkunft, als ethnisch ungemischte Wettbewerber, während sie in der Tat nur sprachlich und kulturJich verschiedene, aus den gleichen Elementen gemischte „Nationalitäten" sind. (Man muss, da das Wort einmal eingebürgert ist, völlig vergessen können, dass das Wort Nation etymologisch eine Blutseinheit bedeutet.) In diesem angeblichen Rassenkampfe ist für die jüdische Rasse kein Platz, und so sieht sie sich gezwungen, um in dem den Staat beherrschenden Kampfe doch irgendeine Stellung zu haben, sich ebenfalls als „Nationalität" zu betrachten. Und darum empfinden sich die Juden dieser Mischländer in ihrer energischen und intelligenten Masse als Nationaljuden. Das wird ihnen umso leichter gemacht, weil sie in ihrer Mehrzahl zeitlich und räumlich von dem Sitz der wahrhaften jüdischen Nationalität, den geschlossenen Mehrheitssiedlungen des