Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 20 (1908)
- Issue
- 1 (1.1908)
- Date
- 1908-01-01
- Page
- Seite 14 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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14 unvermeidlich, dass alle diejenigen Strömungen, die er mit Recht als curae posteriores beiseite geschoben hatte, nach seinem Tode sich stärker betonten, sich eigenwilliger durchsetzten und der ganzen Bewegung in wachsendem Masse eine spezifische Färbung verliehen, die er ihr nicht hatte geben wollen. Um diese Diuge wirklich im Kern zu verstehen, müssen wir im Lichte der von der Soziologie gelieferten Gesetze der Massenpsychologie uns darüber klar zu werden versuchen, wie die einzelnen nationalen Heerscharen sich dem zionistischen Gedanken gegenüberstellen mussten. Jene Gesetze sagen aus, dass das Individuum die Psychologie seiner Gruppe besitzt, dass die Psychologie der Gruppe wieder streng bestimmt ist durch den Druck dessen, was Geonroy St. Hilaire den „monde ambiant" genannt hat. Jede Gruppe steht unter einem gewissen Drucke wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Verhältnisse; diesem Drucke folgend, muss sie in einer ganz bestimmten, ihrem Willen entzogenen Richtung strömen, naturgesetzlich! Da der Mensch sich aber, kraft der bekannten psychologischen Täuschung, als ein frei wollendes und frei handelndes Wesen empfindet, so erscheint ihm die Richtung der ihm vorgeschriebenen Bewegung als frei gewähltes Mittel und der Punkt, auf den er zutreibt, als frei gewähltes Ziel. Wenden wir diese Gesetze auf die verschiedenen nationalen Judenschaften an, so erkennen wir ohneweiters, dass die grössten psychologischen Verschiedenheiten bestehen müssen. Die Juden Osteuropas, namentlich Russlands und Rumäniens, bilden ein in ihrem Kerne massenhaft und disht zusammengesiedeltes Konglomerat mit eigener Sprache, eigener Sitte, eigener, scharf gesonderter Religion und sie stehen zudem in ihrer Masse unter dem Drucke sehr ähnlicher wirtschaftlicher und politischer Bedingungen. Des vollen Bürgerrechtes beraubt, von den Gesetzen ihrer Staaten als „Fremdvolk" betrachtet, bilden sie in jedem Sinn eine „Nation", das heisst eine Menschenmasse gleicher Tradition, Kultur und Sprache. Um zum Volke zu weiden, fehlt ihnen nichts als das Land. Sie sind daher ausgesprochenermassen Nationaljuden. Als Angehörige einer national-jüdischen Kultur, die sich nicht nur sehr scharf abhebt, sondern auch demjenigen, was man euphemistisch russische oder rumänische „Kultur" nennen könnte, entschieden überlegen ist, sind sie ferner selbstverständlich Kulturjuden : ihre ganze Kultursehnsucht kann sich nur in dem Wunsche äussern, ihre spezifische jüdische Kultur auszugestalten. Nach ganz anderer Richtung drängt der Druck der sozialen Last die Westeuropäer. Sie leben als Angehörige einer winzigen Minorität in weithin zersplitterter Diaspora. Die sie umgebende Kultur ihrer Wirtsvölker ist als moderne Kultur der noch völlig mittelalterlichen Kultur der osteuropäischen Judenschaft um ebensoviel überlegen, wie diese der noch völlig barbarischen Kultur Russlands. Sie sind aus diesem Grunde völlig von der Kultur der