Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 20 (1908)
- Issue
- 1 (1.1908)
- Date
- 1908-01-01
- Page
- Seite 13 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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13 blonden Typus alle Schattierungen, und ebenso alle Schichtungen der Kultur vom reinen Mittelalter, in dem etwa noch ein zentralrussischer Rabbiner lebt, bis zum Grossbürger des Westens, bis zum dekadenten Modernisten und feurigen Sozialisten empor. Für den Soziologen ist solch ein Kongress ein wahrer Anschauungsunterricht über die Theorie der Rasse, die heute unsere ganze Geschieht sphilosophie beherrschen möchte; der erste Blick zeigt, dass selbst eine so verhältnismässig reine und angeblich so starre Rasse wie das Judentum unter dem Einflüsse des Milieus und der geistigen Kultur bildsam ist wie Wachs. Nun möchte es scheinen, als wenn die Vereinigung so ausserordentlich disparater Elemente in einer Bewegung deren Stosskraft vollkommen lähmen müsste, etwa einem Rattenkönige vergleichbar, wo all die verschiedenen Köpfe nach allen verschiedenen Seiten auseinanderstreben, während die Schwänze fest verwachsen sind, so dass das Monstrum nicht von der Stelle kommen kann. Aber die Vorstellung wäre falsch. Darin bestand eben die geniale Leistung Herzls, dass er all diesen grundverschieden motivierten Elementen die Ueberzeugung beibrachte, ihr erstes Ziel sei gemeinsam, dass sie daher bis zu dessen Erreichung vereint marschieren und schlagen dürften. Er hat mit grösster psychologischer Kunst es verstanden, im Programm der Bewegung, und, solange er lebte, auch in der Taktik, alle trennenden Dinge von der Hand zu weisen. Ihm wie all seinen Anhängern war es völlig klar, dass, jenes erste Ziel erst einmal erreicht, der Kampf der verschiedenen Richtungen gegen einander auf das heftigste entbrennen würde; dass die Gegensätze von Orthodoxie und Freidenkertum, von Bourgeoisie und Sozialismus neben d<=n mitgebrachten Differenzen der Nationalitäten und Sprachen heftig gegen einander reagieren würden. Aber er durfte das fürs erste vernachlässigen, weil er auch für die Folge nichts Böses für die Weiterentwicklung des einmal als vei wirklicht angenommenen Gemeinkörpers davon voraussah. Er wusste, dass Kampf Bewegung und Fortschritt bringt, und war wohl auch im stillen, als Kultui mensch, der er war, davon überzeugt, dass auf der Grundlage des wiedergewonnenen Nationalismus sich auf die Länge doch nichts anderes als eine freie Kultur entwickeln könne. Jedenfalls durfte er all seinen Anhängern, wenn sie gegeneinander bellten, immer sagen: „Wartet ab; schafft erst in gemeinsamer Arbeit die Arena, auf der ihr später eure Prinzipienkämpfe ausfechten könnt; ehe dieser Kampfplatz nicht geschaffen ist, fechtet ihr ohnehin aneinander vorbei." Solange Herzl lebte, hielt er denn auch die Pfeile im Bündel fest. Aber er starb allzu früh, als Märtyrer seiner Sache, aufgerieben von der Last, die selbst einen Atlas zermalmen konnte, vernichtet durch eine Verantwortung, unter der weiches Eisen sich gebogen hätte, unter der der Stahl aber bi-ch; und es war