Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 20 (1908)
- Issue
- 1 (1.1908)
- Date
- 1908-01-01
- Page
- Seite 2 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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sie auch in vielen Kreisen so modern geworden. Verfolgt man sie aber bis in ihre letzten Konsequenzen, dann zeigt es sich erst, wie sumpfig dieser Boden ist und wie krank die ganze Sache ist, Will man die Rassentheorien in ihrer Unnahbarkeit studieren, dann muss man ihr höchstes Ideal genau untersuchen. Das ist nicht gar so leicht. Denn nur die wenigsten Anhänger des Rassenaberglaubens sind konsequent und schreiten auf gerader Linie bis zum Endziel. Die meisten bleiben auf halbem Wege stehen und machen Konzessionen nach allen Seiten hin. Es gibt keine schärferen Gegensätze als Rassenlehre und Christentum. Sie schliessen einander gänzlich aus. Denn das Christentum will die Religion der ganzen Menschheit sein, es sucht den innern Menschen, die Seele; es will alle niedrigen Triebe töten und eine höhere, edlere Menschheit in sittlicher Hinsicht heranziehen. Das Christentum wendet sich an alle Menschen, die Gottes Ebenbild sind, und verspricht ihnen die höchste Seligkeit, wenn sie die Wege der Moral wandeln. Die Rassenlehre aber will nicht vereinigen, sondern trennen. Sie will die Rassen von einander absondern und jede nach besonderen Gesetzen erziehen. Sie will den Begriff „sittlicher Mensch" negieren, die Ethik beseitigen und die physische Kraft auf Kosten aller Moral erstreben. Unsere Antisemiten aber sprechen bald von Rasse, bald von Christentum, und vsie begreifen gar nicht, dass es leichter ist, eine Brücke zwischen Himmel und Hölle zu schlagen, als zwischen diesen beiden Polen menschlichen Denkens und Empfindens. Herr Dr. Willibald Hentschel gehört zu den wenigen Ehrlichen, die den Mut haben, einen Gedanken gründlich auszudenken und die vor keiner Konsequenz zurückschrecken und der Welt ihrer Sehnsucht höchstes Ziel verkünden. Er verfolgt den Rassengedanken bis zu seinem Endziel und gelangt zum Ideal eines menschlichen Gestüts und zu einer Pferdemoral. In seinem umfangreichen Werke „Varuna"*) lässt er seine Ideen in eine Apotheose auf die Menschenzucht ausklingen und in seinem letzten Kipitel „Mittgart" gibt er uns seiner Weisheit letzten Schluss. M i 11 g a r t ist die Stätte, von der das neue Heil kommen soll, dsv gesegnete Ort, wo aufsteigendes germanisches Leben künstlich gezüchtet werden soll. Das ist dem Verfasser kein Traum, keine Utopie, sondern eine blutig ernste Idee, in der er die einzige Rettung der germanischen Zukunft erblickt. Er entwirft wie Plato einen vollständigen Plan, wie dieser Gedanke verwirklicht werden soll, und er ruft die Besten und Edelsten des deutschen Volkes herbei, mit ihm an der Verwirklichung dieses Rassenideals zu arbeiten. Wir wollen uns daher dieses Ideal näher ansehen und die Grundgedanken, die zu diesem grandiosen Werke führten, gründlichst prüfen. *) Varuna, das Gesetz des aufsteigenden und sinkenden Lebens in der Geschichte. Leipzig, Hammer-Verlag, 1907. —