Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 20 (1908)
- Issue
- 1 (1.1908)
- Date
- 1908-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Monatschrift der Oesterreichiscb-Israelitischen Union. Nr. 1. Wien, Jänner 1908. 20. Jahrgang Der Gipfel des Rassen-Ideals. An ihren Früchten sollt Ihr sie erkennen! Das gilt von Taten und Gedanken ebensogut wie von Menschen. Manche wilden und giftigen Früchte blühen in wunderbarer Schönheit, ihre Farbenpracht und ihr betäubender Duft ergötzen uns und erwecken in uns viele Hoffnungen. Aber auf den Frühling folgt der Sommer, die Zeit der Ernte löst die Zeit der Blüte ab und wir unterscheiden genau, wo gesunde und wo giftige Früchte sind. Auch in der Gedankenwelt können wir dieselbe Erscheinung beobachten. Ein Gedankenspiel, ein Aufleuchten einer paradoxen Idee kann sehr anziehend wirken, kann uns oft durch die blendende Form, durch den schönen Schein mehr fesseln, als der tiefste, gesundeste Gedanke. Suchen wir aber sie weiter auszubauen, ihren Lauf von der Quelle, der Weltanschauung, bis zur Mündung, dem brausenden Meere des Lebens, zu verfolgen, dann gewinnen wir erst einen richtigen Masstab für ihre Prüfung und Beurteiluug. Die Gedanken unterscheiden sich häufig nur in ihren Konsequenzen. Ein gesunder Gedanke bleibt gesund und kräftig, wenn er auch ganz durchdacht und bis in die letzten Konsequenzen weiter geführt wird. Ein kranker Gedanke erscheint nur gesund im ersten Momente, solange nicht seine Konsequenzen gezogen sind. Verfolgt man seine Entwicklung:, dann sieht man, dass er in die trostlose Sandwüste des Nichts oder in den Wahnsinn mündet. Der Rassen-Gedanke übt in jüngster Zeit auf Männer ohne tiefe Denkweise eine grosse Anziehungskraft aus. Unsere Dilettanten, die mit der Wissenschaft kokettieren, ohne sich mit ihr zu vermählen, sehen in der Rassentheorie die neue Heilslehre, die rettende Idee der Zukunft. Keine Lehre bietet ja einen so günstigen Boden für Hypothesen und Schlussfolgerungen aller Art und durch keine vor allem legitimiert man sich so leicht als echter Germane, wie durch diese. Gerade für die Degenerierten unserer Zeit scheint die Rassenlehre etwas Verführerisches zu haben und das Ideal der physischen Stärke ist ihr Götzendienst. Man sehnt sich ja häuf!? gerade nach solchen Tugenden, denen man am fernsten steht. Es ist gar kein Zweifel: die Rassenlehre hat auf den ersten Augenblick etwas Faszinierendes, darum ist 1