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Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1907-06-01 · 6/7 (Juni/Juli 1907) · p. Seite 37

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Journal
Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
19 (1907)
Issue
6/7 (Juni/Juli 1907)
Date
1907-06-01
Page
Seite 37 (sequence 37)
Language
German
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S7 Korrespondenzen. Wien. Der ehemalige Präsident der „Oesterr.-Isr. Union" Herr Maximilian Paul-Schiff hat folgenden offenen Brief an den Abgeordneten Dr. Alfred Ebenhoch gerichtet: „In einem in der „Neuen Freien Presse" (Abendblatt vom 25. Mai d. J.) veröffentlichten Interview, in welchem Sie angesichts der bevorstehenden Vereinigung aller freisinnigen Deutschen nunmehr auch die Vereinigung der christlichsozialen und der unter Ihrer Führung stehenden oberösterreichischen klerikalen Partei für „unbedingt notwendig" erachten, haben Sie auch zu der Frage des Antisemitismus Stellung genommen. Sie haben erklärt, dass Ihre Partei dem Bassenantisemitismus nicht huldige, dass sie aber eine antisemitische sei, vje nachdem man das Wort auffasse". Dass Ihre Partei keine rassenantisemitische sein kann, ist klar. Sind doch der Heiland und die Apostel aus dem Judentum hervorgegangen. Das Bekenntnis zu dem Antisemitismus ist jedermanns Becht. Es ist nicht meine Aufgabe, zu ergründen, wie der Antisemitismus mit dem Kulturstandpunkte im allgemeinen und christlichen Gesinnungen im besonderen in Einklang gebracht werden kann. Sie haben aber Ihren antisemitischen Standpunkt auf Argumente gestützt, welche der Büstkammer der unwahren landläufigen Schlagworte entnommen sind und eine schwere Beleidigung beinhalten. Dazu haben Sie kein Becht. Sie sagen in Ihren Ausführungen: „Wir verlangen, dass das Judentum davon ablasse, die christlichen Grundlagen des Staates und die sittlichen Gebote des Wirtschaftslebens zu untergraben". Mit dieser auf nichts gestützten und ganz unberechtigten Behauptung imputieren Sie dem Judentum — sei es seiner Lehre oder der Gesamtheit seiner Angehörigen — geradezu staatsgefährliche, unsittliche Tendenzen. I'iese Verdächtigung weise ich im Namen meiner Glaubensgenossen entschieden zurück. Sie haben, hochverehrter Herr, wohl nicht unabsichtlich verschwie?en, was Sie unter „christlichen Grundlagen des Staates" verstehen. Unter dieser Bezeichnung findet so ziemlich alles Platz, angefangen vom kirchlichen Konkordat, der kirchlichen Suprematie, der konfessionellen Schule, dem Erfordernis des christlichen Bekenntnisses für Bichter, Beamte, Volksvertreter etc. bis zu jener theoretischen, in praxi wertlosen Toleranz anderer religiösen Ueberzeugung. Sie sagpn, „dass der Antisemitismus entstanden sein soll, weil hauptsächlich die Juden Vorkämpfer liberaler", das heisst freiheitlicher Doktrinen gewesen seien und sind. Wenn dem so wäre, so dürfen die Juden darauf stolz sein, stolzer als jene, die mit uufreiheitlichen Doktrinen die Menschheit in Fesseln schlagen wollen. Auch dass unter den ersten Vorkämpfern sozialistischer Doktrinen Juden zu finden sind, wird dem Judentum als Ehre angerechnet werden dürfen, sicherlich standen diese Vorkämpfer den Lebten Jesu Christi näher als all' jene, die seinen Namen ^m politischen Handel missbrauchen. Dass einzelne Juden — genau so wie einzelne Christen — die sittlichen Gebote des Wirtschaftslebens untergraben, werde ich nicht bestreiten. Dank den Fesseln, in welche die Juden von Ihren christlichen Glaubensgenossen, hochverehrter Herr Doktor, durch ein Jahrtausend geschlagen waren, und aus welchen sie nicht durch die „christlichen", sondern durch die freiheitlichen Doktrinen erst befreit wnrden, waren die Juden lange Zeit ausschliesslich nur zu einem Gewerbe zugelassen, das als schimpflich galt, zugleich aber Päpste und Kaiser alimentierte. Ich mache das Christentum als solches für die Verirrungen vergangener Epochen nicht verantwortlich, ebenso wenig haben Sie aber das Becht, Ausschreitungen einzelner der Gesamtheit zuzuschreiben. Mit allem möglichen, hochgeehrter Herr Doktor, mögen die Juden während einer mehr als tausendjährigen Leidensgeschishte „gehandelt" haben, nur mit einem nicht: mit ihrem Glauben, mit ihrer Ueberzeugung! Daran möchte ich Sie heute in dem Augenblicke erinnern, in welchem Sie es als „sittliches Gebot" erachten, mit einer Partei einen „politischen Handel" einzugehen, die vom

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