Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 19 (1907)
- Issue
- 6/7 (Juni/Juli 1907)
- Date
- 1907-06-01
- Page
- Seite 28 (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
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28 Es ist ja bekannt, dass Kriege die Gemüter verrohen, üppiges Genussleben die Geister abstumpft, entartete Gesellschaft die Sitten verdirbt, Feindseligkeiten Verbitterung erzeugen und dass anhaltender Druck eines eigenen Tyrannen in einem Volke den Freiheitssinn ertöten kann; wie leicht möglich, dass schon frühzeitig Ereignisse und Umstände eingetreten, die den Sinn für das Gute und Wahre wesentlich getrübt haben. Ganz im Bereiche der Möglichkeit liegt sogar, dass selbst die Gesetzurkunde wegen ihres ins soziale und politische Leben greifenden Inhaltes zeitweilig in Gefahr gewesen, von Widersachern vernichtet zu werden, und nur durch einige Wohlgesinnte, die sie lange in einem sichern Verstecke bewahrt, erhalten geblieben ist und dass gar mancher klassische Ausdruck der Urkunde erst spät in die Volkssprache gekommen. Dieses seine Deutung in sich tragende Traumgebilde, ist ein partieller Reflex der grossen Wirklichkeit, von der sich eine ebenso leichtfertige wie seichte Bibelkritik, die man leider modern nennt, nicht das Geringste träumen lässt. Seine Nutzanwendung ergibt, dass, selbst wenn in unserer Thora kein Wörtchen über einen Aufenthalt des Israelitenvolkes in einer ungastlichen Fremde stände, keine Silbe von sklavischer Knechtung desselben erzählen würde und kein einziger Buchstabe etwas über seine rasche Befreiung verlauten lie^se, dass alles aus den Gesetzen, über die Rechte der Knechte und Sklaven, über das Verhalten gegenüber den Fremden, über die Behandlung der Tiere und über die verschiedenen milden Berücksichtigungen der Armen sehr leicht zu schliessen wäre und sich daraus und aus manch anderen Bestimmungen mit mathematischer Gewissheit ergeben würde, dass die Gesetzgebung in einer Zeit, wo noch die volle Erinnerung an die im Sklavendienste ausgestandenen Leiden recht lebhaft gewesen und alles unter dem frischen Eindrucke der Befreiung gestanden, stattgefunden haben muss.3) Das zeigt hinlänglich, wie töricht es ist, dass man sich über die von der Thora angegebene Zeitperiode ihrer Entstehung tändelnd hinwegsetzt und indem man alles, was von ihren Mitteilungen über die grausame egyptische Knechtung und die Erlösung vom Sklavenjoche bezüglich in Betracht kommt, ignoriert, für dieselbe Zeiten der Demütigung, Verbitterung, Verrohung und Zerrüttung annimmt. Wer nicht geradezu ein Seelenbedürfnis hat, an unserer Thora herumzunergeln, gewinnt ganz naturgemäss die Ueberzeugung, dass selbe genau so alt ist, wie sie angibt. Wo es nicht unlautere Motive sind, denen ein solches Bedürfnis entsprungen, ergibt die Krittelei Missverständnisse und 3) Besonders zu beachten sind bezüglich Vers 11, 12, 13, 14 des 30. Kapitels Deuteronomium.