Mannheim
Compact Memory

Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1907-06-01 · 6/7 (Juni/Juli 1907) · p. Seite 27

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
19 (1907)
Issue
6/7 (Juni/Juli 1907)
Date
1907-06-01
Page
Seite 27 (sequence 27)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/9756662-9603764-9603839--1710-9603866
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

21 sich danach. Unentbehrlicher Hausrat oder Werkzeuge des Handwerkers dürfen nicht gepfändet werden. Das Hausrecht muss respektiert werden. Der Pfändende darf in das Haus des Schuldners nicht eintreten, um das Pfand selbst zu holen. Hat jemand eine Decke des armen Schuldners gepfändet, ist er gehalten, ihm dieselbe bei Sonnenuntergang zurückzuerstatten, damit er sie in der Nacht benützen kann. Wollt ihr einmal einen König über euch setzen, wie all die Völker rings umher, soll es ein Stammesgenosse sein, ein Fremder unter euch hat im allgemeinen dieselben Rechte wie ihr, doch König über euch darf er nicht werden. Der König stehe nicht über, sondern unter dem Gesetze, wie jeder andere Mensch, und damit er nicht hochmütig werde und sich immer nach der Vorschrift richte, soll er eine Abschrift dieser und aller anderen Gesetze jederzeit zur Hand haben." Wer das Sechstafelgesetz mit Verständnis durchgelesen hat, wird folgenden Schlüssen beistimmen, die von einen einheitlichen, freien, humanen und gerechten Geiste getragenen Bestimmungen lassen keinen Zweifel, dass es nur ein weiser tiefblickender Gesetzgeber gewesen sein kann, von dem es herrührt. Die Menschen, denen es gegolten, müssen für dessen Sinn eine gewisse Empfänglichkeit besessen haben, sonst hätte es die Weisheit des Gesetzgebers nicht zugelassen, dass er sich mit derlei Dingen an sie wende. Empfänglichkeit und Verständnis für solche Gesetze können aber, wie die Geschichte lehrt, sich nur auf eigenartige Lebenserfahrungen gründen, folglich muss das Volk von Atlantis solche gehabt haben, und die ganze Natur der Sache spricht dafür, dass es die mannigfachen Seelenqualen, gegen die sein Gesetzgeber ankämpft, in irgend einem Verhältnisse drückender Knechtschaft selbst durchgekostet haben muss und in einer schon bessern Zeit, wo aber die lebhafte Erinnerung daran noch heftig nachgezittert, so belehrt worden ist. Das Sechstafelgesetz muss unbedingt in einer Epoche freiheitlichen und sittlichen Aufschwunges, die einer Zeit gefolgt, in der jenes Volk peinlicher erniedrigender Willkür preisgegeben war, gegeben worden sein, dazu stimmt auch der Passus, der die Einsetzung eines Königs als eine mögliche Sache einer unbestimmten Zukunft behandelt. Nicht unwahrscheinlich ist, dass der weise Gesetzgeber für seine Person vorausgesehen hat, dass der unerwünschte Fall der Erhebung eines Einzelnen zum Herrscher ganz sicher in der Zukunft gelegen; in sonstigen Hinsichten ist jedoch an keine irgend haltbare Annahme zu denken. Wer behaupten wollte, dass die weisen und humanen Ideen im Leben des Volkes von Atlantis allgemeine dauernde Geltung erlangt haben und ihrem hohen moralischen Werte entsprechend betätigt worden sind, müsste sich über Erwägungen, die sich geradezu aufdrängen, leichtfertig hinwegsetzen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.