Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 19 (1907)
- Issue
- 6/7 (Juni/Juli 1907)
- Date
- 1907-06-01
- Page
- Seite 22 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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22 werden muss. Der jüdische Wähler kann sich nur einer wahrhaft freisinnigen Partei anschliessen, und er wird in das sozialdemokratische Lager gedrängt, wenn die bürgerlichen Parteien in der Verleugnung der Staatsgrundgesetze wetteifern und selbst das Juwel unserer Gesetzgebung, die Freiheit der Schule, einst mit Begeisterung durch Freudenfeuer gefeiert, nur matt verteidigen." Die Ausführungen des Vorsitzenden fanden lebhaften Widerhall und wurden in der Debatte, an der sich die Herren Dr. Weiss (Boskowitz), P o 11 e n z (Misslitz), Dr. Körner (Göding) und David Spitzer (Leipnik) lebhaft beteiligten, mit voller Zustimmung variiert. Auch die Stellung der Juden in den überwiegend tschechischen Bezirken wurde ventiliert und die Frage erörtert, wie dem gefährlichen wirtschaftlichen Boykott in den Landgemeinden entgegengetreten werden kann, trotz der mitunter zutage tretenden Abneigung der Behörden, das Gesetz diesbezüglich objektiv zu wahren. Nach nahezu dreistündiger Dauer wurde die Verhandlung, in der vollste Einmütigkeit zutage trat, durch den Vorsitzenden geschlossen mit dem Hinweise darauf, dass uns die Not der Zeit zusammengeführt und dass hoffentlich diese Not uns lehren werde, treu zusammenzuhalten mit Unterdrückung geringfügiger Meinungsverschiedenheiten. Von Fassung einer Resolution wurde Umgang genommen, dagegen Dr. Fialla beauftragt, Herrn Baron d'E 1 v e r t die zutage getretenen Anschauungen bekanntzugeben. * * * Der Kultusvorstand von Leipnik hat an die deutschen Abgeordneten von Mähren nachstehende Resolution übermittelt: „Verehrliche Parteileitung! Die Wiener Tagesblätter vom ^5. Mai brachten übereinstimmend die Notiz, dass am 29. und 30. Mai in Wien über den Zusammenschluss der deutschfreiheitlichen Fraktionen zu einem deutschen Klub verhandelt werden solle, und der „Tagesbote* vom 25. Mai (Abendblatt) präludiert in seinem Leitartikel diesen Verhandlungen, indem er darauf vor bereitet, dass dieser Zusammenschluss nur auf dem Kompromisswege zu vollziehen sei. Da nach den übereinstimmenden Meldungen aller Blätter auch die Freialldeutschen zum Anschlüsse aufgefordert werden sollen, deren politische Mässigung nach den gemachten Erfahrungen billig bezweifelt werden darf, so ist zu befürchten, dass die Kosten des angedeuteten Kompromisses wieder, wie schon des öfteren, die deutsche Fortschrittspartei bezahlen wird, indem sie, dem Terrorismus der Alldeutschen nachgebend, einen Teil ihrer fortschrittlichen und freiheitlichen Grundsätze zumindest zurückzustellen sich bewegen lassen wird. Als treue Anhänger und Verfechter der deutsch-fortschrittlichen Ideen fühlen wir uns daher verpflichtet, an die verehrliche Parteileitung mit dem dringenden Ersuchen heranzutreten, in freiheitlicher Beziehung den Freialldeutschen auch nicht die allergeringste Konzession zu machen, sondern unbedingt darauf zu bestehen, dass in das Programm des neuzubildenden deutschen Klubs die Forderung aufgenommen werde: die Verwendung. Betätigung und Geltung des Staatsbürgers im öffentlichen und staatlichen Leben sei von seinem Glaubensbekenntnisse oder seiner Bassenzugehörigkeit vollständig unabhängig. In einem wahrhaft freisinnigen Programm darf dieser Punkt nicht fehlen, und