Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 19 (1907)
- Issue
- 6/7 (Juni/Juli 1907)
- Date
- 1907-06-01
- Page
- Seite 19 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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L9 bar die, dass sich ein unterschiedloser, sozialer Verkehr zwischen all diesen Juden und Christen herauszubilden anfiig. Dann, meine Herren, kam wieder eine andere Zeit: rein wirtschaftliche, irrig ausgelegte Tatsachen riefen nicht bloss bei uns, sondern überall die Bewegung des kleinen Mannes und mit ihm den Antisemitismus — die beiden Bewegungen fallen zusammen und sind identisch — hervor. Der Antisemitismus hat die Juden mit einer unsichtbaren und doch tiefen Kluft umgeben, sie sozial und politisch wie auf einer Insel zusammengedrängt. Da ist es nicht nur psychologisch erklärlich, menschlich, sondern geradezu unausweichbar gewesen, dass ein grosser Teil der Juden und gerade nicht der schlechteste, nämlich die Jugend, in gerechter Verbitterung über das uns zugefügte Unrecht sagten, jetzt wollen wir erst recht nur Juden und nichts anderes sein. Ich habe diesen jungen Leuten nachgefühlt, ich fühle ihnen noch heute nach, aber dieses Mitgefühl als Mensch und Jude kann mich in meiner Ueberzeugung nicht irre machen, dass diese Richtung eine irrige und für die Zukunft der Juden verhängnisvolle ist und von dieser Exklusivität ist nicht jene die schlimmste, welche Ihnen finster und grobschlächtig allwöchentlich in der Zeitung präsentiert wird und die mich anmutet wie ein sozialer und politischer Obskurantismus, sondern wie er gerade bei vielen Juden vorkommt, die ausgezeichnete und gebildete Männer sind, denen aber politische Einsicht und Rechnung fehlt. Hält diese Richtung noch einige Dezennien an, so muss sie uns erst recht und wirklich zu Fremden machen. Gestatten Sie mir, Ihnen den Sinn dessen, was ich sage, durch ein Beispiel zu veranschaulichen: Wir haben hier in Wien eine griechische Kolonie; diese Griechen sind allüberall, in Wien, in London, in Paris etc. eine Fremdenkolonie geblieben. Sie sprechen unter sich nur griechisch, man findet unter ihnen keinen Advokaten, keinen Schriftsteller, kaum einen Arzt, keiner von ihnen (ich kenne nur eine einzige Ausnahme) nimmt Anteil an dem öffentlichen, dem geistigen Leben Wiens. Wien ist ihnen fremd, sie sind den Wienern fremd. Wir Juden haben uns aber tief eingewurzelt, geistig, sozial, wirtschaftlich und politisch. Und darum halte ich es iür unmöglich, dass diese Kluft eine andere sein kann als eine vorübergehende, sie muss und sie wird wieder überbrückt werden. Und die Zustände werden und müssen dahin gelangen, wie wir sie durch nahezu ein halbes Jahrhundert gesehen und empfunden haben. Wir Juden sind eine winzige Minorität, für uns müssen kämpfen Freisinn und Menschentum; die Kluft kann nur überbrückt werden durch Männer, die gegen das Unrecht kämpfen, weil es eben ein Unrecht ist, und für die Gleichheit aller Staatsbürger kämpfen, weil die Gleichheit ein natürliches Recht aller ist, kurz, sie kann nur überbrückt werden durch Männer freisinnigster, demokratischer Gesinnung. Und darum halte ich es für einen schweren 2*