Mannheim
Compact Memory

Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1907-06-01 · 6/7 (Juni/Juli 1907) · p. Seite 17

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
19 (1907)
Issue
6/7 (Juni/Juli 1907)
Date
1907-06-01
Page
Seite 17 (sequence 17)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/9756662-9603764-9603839--1700-9603856
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

17 gab es die heftigsten politischen Kämpfe und Stürme, doch von allen diesen drang kein Laut in die Gasse. Pressburg als Sitz des Landtages, hatte schon damals eine eigene politische Zeitung, welche die Verhandlungen und auch auswärtige Nachrichten brachte, aber von ihr war in der ganzen Gasse auch nicht ein einziges Exemplar zu finden. In diesem Ghetto wurde nicht gelacht, selbst nicht von den Kindern. Das war eine Gasse, in welcher, um mit dem Dichter zu sprechen, „schwer und trübe der Himmel auf meinen Scheitel sich senkte." Als charakteristische soziale Tatsache will ich Ihnen nur sagen, dass die Juden des Ghetto nie spazieren gingen, denn ausserhalb des Ghetto befand man sich ja unter Christen und wurde beschimpft. Selbst wir Kinder mussten, wenn wir das Ghetto verliessen, stets gewärtig sein, von den Christenbuben geprügelt zu werden. Zwischen Juden und Christen bestand auch nicht der leiseste aussergeschäftliche Verkehr. Wie wäre auch das möglich gewesen? Ausserhalb des Ghetto waren die Juden vollständig rechtlos. Diese Kechtlosigkeit der Juden kann man heute nicht einmal mehr ahnen. Ich erinnere mich, dass in den Dreissiger-Jahren, während des Landtages, ein Graf, ich glaube, es war ein Festetits, wegen einer Geringfügigkeit seinen Hausjuden erschoss, einen Mann, namens Bonitzer, und dieser Graf erlitt keine andere Strafe, als dass er verurteilt wurde, der Witwe, die ich noch sehr gut gekannt habe, einen Wochengehalt von 5 Gulden Wiener Währung, d. s. 4 Kronen, zu zahlen. Die natürliche Folge dieser Rechtlosigkeit war die unzweifelhafte Feigheit aller Juden. Ich drücke die damaligen Verhältnisse vielleicht am bezeichnendsten aus, wenn ich sage, dass es unter allen Juden auch nicht Einen gegeben hätte, der den Mut besessen hätte, die erhaltene Ohrfeige einem Christen zurückzugeben. Die Farben, mit denen ich Ihnen das Ghetto zeichne, sind nicht übertrieben, eher noch verblasst, aber die Zeichnung ist treu. Jawohl meine Herren, ich kann auch sagen, wie es in der Bibel heisst: „anochi hoisch roo sonyi", „ich bin der Mann, der das Elend gesehen." Und das Schrecklichste an diesen Verhältnissen war die Tatsache, dass die übergrosse Masse der Juden dieselben als etwas Selbstverständliches hinnahm, wie die schlechte Luft, die sie atmeten, und das schlechte Wasser, das sie tranken. Desto schmerzlicher empfanden die Wenigen, welche über die Masse hinausragten, die wenigen Intellektuellen, eine Erniedrigung, deren Schilderung mir selbst heute noch jedesmal das Herz zusammenzieht. Diese soziale und geistige Trennung, diese soziale und geistige Zurücksetzung waren es, gegen welche unsere besten Männer gekämpft und gestritten, und um einen Ausdruck Gabriel Riesserv zu gebrauchen, einen der Juden, die. wir je besessen, „geschrieben haben, nicht mit Tinte, sondern mit ihrem Herzblut und mit dm. Safte ihrer Nerven."

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.