Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 19 (1907)
- Issue
- 6/7 (Juni/Juli 1907)
- Date
- 1907-06-01
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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10 konsequent den Ausschlag zugunsten der Deutschen gegeben hatten, aus der Schlachtlinie zu entfernen. Sie blieben nicht bei dem Wunsche stehen. Massgebende Personen ihrer Partei machten auch tatsächlich kompetenten Vertretern der Judengemeinden 1896 die Proposition, gegen diese Neutralität der Juden jede antisemitische Regung auf der ganzen tschechischen Linie mit aller Entschiedenheit zu unterdrücken Es hatte über diesen Antrag in einem grossen und für alle Gemeinden massgebenden Kreise dieser Juden eine eingehende und lange Beratung stattgefunden, die Juden lehnten einstimmig diesen, wie sie es nannten, Abfall von ihrer Pflicht ab. Es war das eine Entscheidung, die wohl ihrer Parteitreue, aber nicht ihrer politischen Voraussicht zur Ehre gereicht. Knapp nach derselben war in Olmütz der verstorbene Dr. Weber zu ersetzen. Die deutsche Parteileitung kandidierte den Bürgermeister Engel, die Juden traten für denselben1 ein und von diesem Tage datiert nahezu kalendarisch das Aufflammen des bis dahin zurückgehaltenen tschechischen Antisemitismus. Auf diese Weise hatten nun die Juden glücklich von beiden Fronten her den Antisemitismus. Es ist ganz sicher : die Tschechen hassen im Juden nicht den Semiten, sondern den Deutschen. Hatten doch die Juden von je im tschechischen Südböhmen sich sozial immer besser befunden als in dem deutschen Nordböhmen. Der Tscheche, um die alte Anekdote anzuwenden, haute die fremden —, die Deutschen hingegen ihre eigenen, man kann sagen, ihre politisch Leib — eigenen Juden. Und nun tritt hier das für die Juden geradezu tragische Moment ein, dass sie alle diese Opfer an die deutsche Sache vergebens gebracht, diese ganze Hingebung umsonst geleistet haben. Das natürliche Majoritätsverhältnis durchbrach alle künstlichen Dämme, eine Reihe von Städten, Prossnitz, Wischau, Mährisch- Weisskirchen u. a., geht trotz des Bündnisses der deutschliberalen mit den deutschnationalen Antisemiten an die Tsch eben verloren. Da befreit nun das allgemeine Wahlrecht die Juden aus der unnatürlichen Lage. Jetzt stehen sie nicht vor der peinlich einzigen Wahl zwischen deutsch-antisemitischen und tschechischen Kandid iten. Jetzt können sie für eine Partei stimmen, welche zumindest in der Gegenwart allein das gleiche Recht vertritt. Auch jetzt verlangen die Deutschliberalen, die <5uden sollen ihre geschworenen antisemitischen Feinde wählen, um die angebliche „rote Gefahr" zu bannen. Diesmal aber ermannten sich die jüdischen Wähler zu einer selbständigen Politik. Sie wiesen in dem Städtewahlbezirke Leipnik - Weisskirchen - Neutitschein die ihnen von der deutschliberalen Parteileitung zugemutete Kandidatur des freialldeutschen Antisemiten Doktor Bodirsky zurück und verhalten mit ihren Stimmen dem Sozialdemokraten Nie ssner zum Siege. Man sollte glauben, dass diese Lektion empfindlich genug war, um die Führer der