Mannheim
Compact Memory

Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1907-06-01 · 6/7 (Juni/Juli 1907) · p. Seite 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
19 (1907)
Issue
6/7 (Juni/Juli 1907)
Date
1907-06-01
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/9756662-9603764-9603839--1692-9603848
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

9 dassdas bravste unserer Kinder weniger Recht haben soll, wie jenes des letzten Vagabunden, weil es ein Judenkind ist." Jedes Wort in diesen Ausführungen hat für die heutige Situation volle Geltung. Aber auch durch alle weiteren politischen Aktionen der „Union", bis zu dem letzten, von dem Vizepräsidenten der „Union" Herrn Dr. Jakob 0 r n s t e i n erstatteten Referate, am 25. Februar 1907 zieht sich wie ein roter Faden der leitende Grundsatz, dass die Juden eine Politik, welche nur auf den Schutz des Deutschtums und nicht auch auf die Wahrung der freiheitlichen Errungenschaften gerichtet war, nicht länger mitmachen könnten. Als bei den Landtagswahlen im Herbste 1896 die deutschliberale Parteileitung in Mähren unter Führung Doktor Prombei's den deutschnationalen Antisemiten bedingungslos einige Wahlbezirke einräumte, war dieses leoninische Wahlbündnis für den Vorstand der „Union" bestimmend, das Tischtuch zwischen sich und der deutschliberalen Partei vollständig und für immer entzweizuschneiden- Und wieder war es Herr Siegmund Mayer, der diesen Beschluss in der Vereinsversammlung vom 26. September 1896 mit folgenden Worten begründete: „Es ist in den letzten Jahren viel und oft von einer „jüdischen Politik" gesprochen worden. Ich kann mir ganz gut eine jüdische Taktik nicht nur denken, sie ist uns ja wirklich aufgedrängt, wir diskutieren sie ja eben, aber eine wirkliche jüdische Politik, d. h. eine Politik, die darin bestünde, dass wir Juden zu unserem politischen, wirtschaftlichen und sozialen Fortschritt, dass wir zu unserer Förderung etwas Anderes brauchen und anstreben müssen, als was für alle, alle unsere Mitbürger von Allen angestrebt werden muss, eine solche spezielle jüdische Politik darf es nicht geben und gibt es auch nicht." Und weiter : „Ein Vertreter, welchem die Juden ihre Vertretung anvertrauen sollen, dürfte kein nationaler Chauvinist sein. Der nationale Chauvinismus ist der Nährboden des Antisemitismus, das notwendige Krankheits- Produkt der überreizten, nationalen Nerven. Das gilt für überall. Aber speziell bei uns in Oesterreich ist die Nationalitätenhetze jene für uns Juden allergefährlichste Atmosphäre."® Und diese deutschliberale Partei genoss trotz aller ihrer Sünden gegen den heiligen Geist der Freiheit und Gleichheit, des Rechtes und politischer Gerechtigkeit, seitens der Juden eine Anhänglichkeit und unerschütterliche Treue, von welcher die politische Geschichte sehr wenige Beispiele weiss. Es war ja in der ganzen Situation gelegen, dass die Tschechen den lebhaften Wunsch hegten, die mährischen Juden jener sieben Wahlbezirke, in welchen die Juden seit der ganzen Verfassungsära in dem Kampfe zwischen Tschechen und Deutschen das Zünglein an der Waage bilden und

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.