Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 19 (1907)
- Issue
- 6/7 (Juni/Juli 1907)
- Date
- 1907-06-01
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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8! pflichten, für das allgemeine Wahlrecht einzutreten. Ich zweifle nicht, sagte der Referent, wohlgemerkt, am 26. Mai 1896, dass diese Kandidaten kommen werden, weil sie durch unseren heutigen Beschluss wissen, dass sie auf die nicht zu unterschätzende Unterstützung der jüdischen Wähler in den drei Bezirken rechnen können. Und ich behaupte, dass solchen wirklich freisinnigen Kandidaten auch ganz und gar nicht die Unterstützung eines grossen Teiles der christlichen Bürgerschaft fehlen wird. Die Herren sind ja nicht alle verrückt geworden!" Immer wieder kommt in diesem Referate und jedesmal schärfer und bestimmter, derselbe Gedanke zum klaren Ausdruck: „Es ist keine Aussicht auf eine wirklich freisinnige Partei in Oesterreich, insolange diese Nationalitätenkämpfe die erste Geige spielen, und diese albernen Kämpfe, die Oesterreich zugrunde richten, sind tatsächlich auf keine andere Weise zu beseitigen. Denn nur, wenn diese bürgerlichen Klassen sozusagen ganz andere Sorgen haben werden, können sich auch diese Nationaltätenhetzen und diese infamen antisemitischen Bestrebungen innerhalb der bürgerlichen Schichten verlieren .... Die Folgen des allgemeinen Wahlrechtes für die wirtschaftliche Stabilität fürchte er ganz und gar nicht. Auf alle jene soziale Reformen, die innerhalb des Rahmens der heutigen Gesellschaft zugunsten der arbeitenden Klassen getan werden k ö n n en, haben die Mitglieder dieses vierten Standes ein gutes — das beste Recht, das sich denken lässt: Die Notwendigkeit. Diese Entwicklung wird sich vollziehen, einerlei natürlich, ob wir Juden damit einverstanden sind oder nicht. Aber es wäre doch der helle Wahnsinn, wenn wir uns wegen dieser bürgerlichen Klassen, welche sämtlich die Juden zurückweisen, gegen das allgemeine Wahlrecht erklären, unserer ganzen Zukunft präjudizieren wollten. Was immer für Sorgen diese sozialen Reformen uns bringen könnten, die stärkste Belastung unseres Erwerbes für die Invaliditätsversicherung, die stärkste progressive Einkommensteuer selbst die Aufhebung des indirekten, eine stärkere Belastung, des direkten Erbrechtes - wenn wir gezwungen sind, zu wählen zwischen all diesen mehr oder weniger gewiss sehr zweifelhaften Schrecken des Sozialismus und den ganz gewissen Konsequenzen des siegreichen Antisemitismus, so bin ich ganz sicher, für welche Eventualitäten sich Jeder von uns entscheiden wird. Dass der Sohn des letzten Arbeiters das ganz gleiche Recht hat, die gleiche Fürsorge des Staates geniesst wie der Sohn des reichsten Juden, das wollen wir mit aller Gemütsruhe ertragen. Nicht zu ertragen ist.