Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 19 (1907)
- Issue
- 6/7 (Juni/Juli 1907)
- Date
- 1907-06-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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an blankem, baren Liberalismus. Dieser zweite, innere Bankerott war unvermeidlich. Er war in dem Kampfe, welchen die deutschliberale Partei zu führen hatte, mit Bestimmtheit vorauszusehen, er ist von einem ausgezeichneten Juden vorausgesehen und vorausgesagt worden, der Jude hiess Adolf F i s c h h o f. Die Ursache ist leicht zu erklären. Was ist der innerste Kern alles und jedes Liberalismus? Nichts weiter als die „Gerechtigkei t", die Gerechtigkeit für Jeden und gegen Jeden. Keine spezifisch „nationale" Partei kann gerecht sein oder bleiben. Die deutschliberale Partei ist natürlich auch und vorwiegend eine nationale und hat darum nicht die liberale Feuerprobe bestehen können. In einem national einheitlichen Staate wie Frankreich, England, Italien, kennt man natürlich keinen Unterschied, dort gibt es nur Klassengegensätze, welche sich mehr oder weniger in scheinbar rein politische Kämpfe hüllen. In einem Staate aber, in welchem die verschiedenen Nationalitäten um Existenz oder Uebermacht heftig miteinander ringen, wird auf die Länge keine nationale Partei gerecht, d. h. freisinnig bleiben. Jede wird, sobald es sich um nationale Interessen handelt, die freiheitlichen Prinzipien verschachern. Wir haben in Plener einen Mann gekannt, der entschlossen war, für das obskurste deutsch-böhmische Mandat alle Juden zu opfern Handeln heute die Jung?Schechen, eine vom Hause aus wirklich freisinnige, sogar radikale Partei, anders? Nehmen vielleicht diese jetzt Anstand, eine Koalition zu schliessen, die noch schmählicher sein wird und werden muss als jene war, die sie selbst bekämpft? Wenn ich also auch gerecht genug bin, um selbst die Erklärung und Entschuldigung für die bisherige „deutschliberale Partei" zu finden und vorzubringen, so wäre es anderseits töricht, deshalb die Konsequenz nicht zu ziehen, welche sich für uns Juden notwendig aus diesem Sachverhalt ergibt. Und diese lautet kurz und bündig: Bei dieser deutschliberalen Partei ist keine Hoffnung mehr für uns. Vernünftigerweise hätte sie sich, diese deutschliberale, schon längst in eine „sozialliberale Partei" verwandeln müssen. Aber sie muss schon in ihrem Titel zeigen, dass sie das deutsche Interesse voranstellt, sie muss eine nationale Partei auch wirklich bleiben, weil sie sonst den Kern ihrer ganzen Existenz, welcher nicht in Wien, sondern in der deutschen, zumeist in der deutsch-böhmischen Provinz liegt, vernichtet. Und weil sie, um ihren nationalen Interessen, wenigstens nach ihrer Meinung, zu dienen, bald mit der Eegierung, bald mit den Deutschextremen, bald mit den anderen Parteien: den Klerikalen, den Antisemiten usw., schachern muss, wird sie nie Anstand nehmen, uns Juden