Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 19 (1907)
- Issue
- 6/7 (Juni/Juli 1907)
- Date
- 1907-06-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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„Wir müssen", heisst es in dem Memorandum, „eine neue, wenn auch noch so kleine Partei schaffen, welche sich unser wirklich und mit Ernst annimmt. . . Für die Aktion zur Schaffang einer solchen neuen Partei stehen in Wien die Chancen ungleich günstiger als in sämtlichen sonstigen Städten der Erbländer. Einmal durch die verhältnismässig grössere Zahl der Juden in dieser Stadt und noch mehr durch ihre Anmassierung in einzelnen Bezirken Wiens; weiters und hauptsächlich aber durch die Stimmung jenes Teiles der AViener Bevölkerung überhaupt, welcher noch tatsächlich zu der liberalen Partei zählt. Diese Stimmung ist eine Verstimmung dieser Letzteren gegenüber. Die Ursache der Unzufriedenheit und die Quelle derselben ist zugleich jene, aus der wir unsere Hoffnung und die Prinzipien unserer Taktik schöpfen. An Zahl ist nämlich die liberale Partei im Parlamente allerdings gleich stark geblieben, innerlich, geistig aber ist sie schwach geworden. Ihr Talent hat gealtert, ihr Temperament ist verschwunden. „Zum Teufel ist der Spiritus, das Phlegma ist geblieben" . . . Die Parlamentsliberalen, die „Linke", hat nahezu alle liberalen „Fundamente" aufgegeben. Von all diesen liberalen Grundrechten hat sie einzig den Widerstand gegen die Klerikalisierung der Schule aufrecht gehalten . . . Aber mit dieser einen Ausnahme hat unsere „Linke" die Betätigung aller anderen liberalen Grundsätze: die Gleichstellung vor dem Gesetze ohne Unterschied der Konfession, die Freiheit der Arbeit, den Kampf gegen die Ausbeutung der Bevölkerung durch die viehzüchtenden Latifundienbesitzer, fahren lassen. Für das notwendige Mass des Fortschrittes auf dem Gebiete des Wahlrechtes hat ihr Führer, heute auf der Ministerbank, sich so verständnislos gezeigt, dass er ursprünglich geglaubt hat, mit seinem sonderbaren Antrag auf Gewährung von neun, sage neun Abgeordneten an die sämtlichen Arbeiter Oesterreichs die soziale Bewegung zu beschwören. Dieser Versteinerung gegenüber ist nun eben mitten aus den Wählern Wiens heraus, Juden und Christen durcheinander, offenbar eine wenn auch leise Bewegung im Entstehen. Die liberalen Wähler wollen sich nicht mit dem Namen begnügen, sie wollen, dass die liberale Partei liberal auch sei, sie rufen darum nach „neuem Most in neuen Schläuchen", sie verlangen neue Männer und neue Gesichtspunkte, neue Wege und neue Ziele. Sie streben nach einer Abstossung derjenigen Abgeordneten, welche gar nicht mehr hierher, sondern hinüber gehören; sie verlangen die Ersetzung derselben durch Männer, denenes