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Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1907-03-01 · 3 (3.1907) · p. Seite 33

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Journal
Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
19 (1907)
Issue
3 (3.1907)
Date
1907-03-01
Page
Seite 33 (sequence 33)
Language
German
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83 der Sache ist: diese Niederlage haben die russischen Juden sich selbst zuzuschreiben. Ihre Uneinigkeit, ihre Trennung in verschiedene Parteien und Parteichen, das Treiben der Leute vom Bund, die Separationsgelüste der Zionisten, alle diese Umstände haben die Niederlage bei den diesmaligen Dumawahlen zuwege gebracht. Auch die Voraussetzung, dass sie, wie im vorigen Jahre, die Unterstützung der Bauern finden würden, hat sieh als ungerechtfertigt erwiesen. Die Bauern wurden, wie berichtet wird, von Gutsbesitzern und Klerikalen in entscheidendem Momente geschickt von den Juden abgesperrt uud so gründlich bearbeitet, dass sie mit der anderen Seite Blocks bildeten. An anderen Orten haben die Juden dem Zusammengehen aller nichtjüdischen städtischen Elemente gegen das jüdische den Verlust verschiedener als sicher betrachteter Mandate zuzuschreiben. In Polen siegte auf der ganzen Linie die nationale Demokratie, die im letzten Moment mit antisemitischen Einschüchterungsversuchen glücklich operierte. Das ist ein trauriges Ergebnis, das auch dadurch nicht geändert wird, dass noch hie oder da zwei oder drei jüdische Abgeordnete gewählt werden dürften. Vom Büchertisch. Die Geschichten des Rabbi Nachman. Ihm nacherzählt von Martin Buber, Frankfurt a. M. Literarische Anstalt. Rabbi Nachman von Bratzlaw, der letzte jüdische Mystiker, ist der erste und bisher einzige Märchendichter unter deu Juden. Er pflegte seinen Schülern Geschichten zu erzählen, um ihnsu eine mystische Idee oder eine Lebenswahrheit ins Herz zu pflanzen. Aber ohne dass er es im Sinne hatte, gestaltete sich die Parabel in seinem Munde zur Erzählung, wuchs über den Zweck hinaus, bis es keine Lehre mehr war, sondern ein buntes, traumhaftes Märchen oder eine tiefsinnige, verzückte Legende. Diese Geschichten wurden von seinen Schülern in völlig verstümmelter und fragmentarischer Form aus dem Gedächtnis niedergeschrieben und nach dem Tode des Rabbis veröffentlicht. Martin Buber hat sie im Geiste des Meisters wieder aufgebaut, indem er bemüht war. alle Elemente der originalen Fabel unberührt zu erhalten. Die Geschichten des Rabbi Nachman erschliessen dem westeuropäischen Publikum ein ebenso merkwürdiges wie unbekanntes Stück Weltliteratur. Sie können mit keinen anderen Erzählungen verglichen werden. Siesind ein überraschend eigenartiges Phänomen, mit eigenen Ideen und eigenen Symbolen, in einer eigenen, zugleich schlichten und bedeutenden Sprache. Sie tragen nicht nur dazu bei, eine Umwertung der Begriffe vom Judentum herbeizuführen, das bisher mit Unrecht als das Volk des nüchternen, rechnenden Verstandes angesehen wurde, indem sie seine gewaltige bildhafte Phantasie und seine tiefgründige, sehnsuchtsvolle Mystik erweisen, sondern sie bereiten auch durch die Kraft und Farbigkeit ihrer Erzählung, durch die Reinheit und Innigkeit ihrer Stimmung dem Leser den schönsten Genuss. 3*

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