Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 19 (1907)
- Issue
- 3 (3.1907)
- Date
- 1907-03-01
- Page
- Seite 21 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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21 dass ihm an dem arbeitsfreien Tage Gelegenheit geboten war, manches wahrzunehmen, das zu ethisch religiösen Gedanken anzuregen geeignet und denselben auch für ihn zu einem Tage der Aussöhnung mit Gott und Menschen zu gestalten vermochte. So bleibt nur noch zu beantworten, warum den eingewanderten Heiden nicht in Palästina freie Religionsübung zugestanden werden durfte. Diese naiv scheinende Frage ist eben vom Standpunkte unserer Religion sehr berechtigt. Im fünften Buche Moses, Kapitel 4, Vers 19 heisst es ausdrücklich, dass unser Gott selbst Sonne, Mond und Sterne, des Himmels ganzes Heer, allen anderen Völkern unter dem ganzen Himmel zugeteilt hat, auf dass sie die Betrachtung derselben zur Andacht stimme. Dort wird gelehrt, dass das erhabenste Wesen nur von dem durch sein gnadenreiches Walten dem Schmelzofen Egyptens entrissenen Israelitenvolke verlangt, dass es ihm und keinen anderen göttliche Verehrung bezeuge, während es den übrigen Völkern anheimgestellt ist, die anerschaffene religiöse Anlage durch den Anblick seiner Schöpfung zu wecken und zu entfalten, die sollen auf anderen Bahnen, auf den Wegen der Naturanschauung allmählich zur höchsten Wahrheit gelangen. Desselben Geistes ist der Ausspruch des Propheten Micha, der in seiner Weissagung über das in späteren Zeiten zu erblühende Gottesreich der Gesittung und des inneren und äusseren Völkerfriedens bemerkt: „Denn alle Völker mögen jegliches im Namen seines Gottes wandeln und wir wandeln im Namen des Ewigen unseres Gottes immerdar". (Micha Kapitel 4, Vers 1 bis 6.) Das besagt: Wen die andern verehren, geht uns nicht an, im Laufe der Zeiten werden Israel und die Menschheit denn doch schliesslich auf demselben Punkte zusammentreffen. — Alle Proheten haben in Betreif des Heidentums der Völker jener Ansicht gehuldigt, die der hebräische Dichter Ibn Gabirol mit den Worten gibt: •„Und deiner Ehre, o Gott, geschieht kein Abbruch dadurch, dass andere anderen dienen, denn der innere Drang, zu dir zu gelangen, treibt sie dazu an" und was sie, auch wenn es ausserhalb ihres Volkes vorgekommen, verdammt, war nicht der Irrglaube sondern die Unsittlichkeit, gleichviel ob selbe mit den Kulten verbunden war oder nicht. Auch im Talmud wird gelehrt, dass den ausserhalb Palästinas wohnenden Heiden ihr Götzendienst nicht zu verargen sei, weil sie ja damit nur der Lebensweise ihrer Vorfahren folgen. (Cholin Folio 13.) Die einzige gesetzlich begründete Beschränkung ist demnach nicht so ohneweiters als selbstverständlich zu nehmen. Folgende Erwägungen sind die Sache aufzuklären geeignet: Wie die Patriarchengeschichte zeigt, hat der Gottesglaube den Anstoss gegbben, der zur Bildung des Israelitenvolkes geführt hat, und wie aus der weiteren Geschichte ersichtlich ist, war es nur der monotheistische Gottesbegriff, wodurch die losen Stämme,