Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 19 (1907)
- Issue
- 3 (3.1907)
- Date
- 1907-03-01
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/9756662-9603764-9603798--1654-9603810- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
VA Dr. Josef Kopp, der vom Hause aus ein geborener Slave war, also der slavischen Easse entstammt, aber durch seinen Studiengang, dann durch vieljähriges Leben und Wirken in Wien ein Deutscher geworden, der nicht nur deutsch sprechen, sondern deutsch denken and deutsch fühlen gelernt hatte, der durch die vielen Vorzüge seines Geistes und Charakters der frei gewählte Vertreter der deutschen Residenz im Landtage und Reichsrate geworden und bis an sein Lebensende geblieben war, wird von den Wiener Tages-Jourralen, die alle mehr oder weniger ausführliche biographische Schilderungenseines Lebenslaufes brachten, zum geborenen Wiener gestempelt, und die Meldungen mährischer Blätter, sowohl böhmischer wie deutscher Zunge, dass dessen Wiege auf slavischem Boden gestanden, einfach totgeschwiegen, als ob Wien dadurch an seiner deutschen Glorie einen Abbruch erleiden würde, wenn nicht ein geborener Deutscher, ein autochthoner einheimischer Wiener sein vieljähriger Vertreter im österreichischen Parlamente gewesen. Das ist die Frucht des modernen, allseitig gepflegten nationalen Fanatismus, der neubackenen von Steward Chamberlain auch in Wien gepredigten und immer weiteres Terrain gewinnenden Rassentheorie. ■te Es scheint uns geradezu eine Entweihung des Andenkens eines nach Wahrheit ringenden und nur für die Wahrheit kämpfenden Mannes, wie Dr. Josef Kopp es war, eine Verunglimpfung der Wahrheit zu sein, wenn in der Schilderung seines Leben?ganges aus purer Aengstlichkeit vor der so barocken Rpssentheorie die Wahrheit über die slavische Wiege dieses grossen deutschen Mannes der Welt absichtlich verschwiegen wird. Dr. M. E p s t e i n—Brünn. „Der erste Pogrom." Das „Deutsche Volksblatt" veröffentlichte in der Nummer vom 1. d. M. einen Leitartikel, dessen Bösartigkeit und Verlogenheit beispiellos genannt werden muss. Die grauenhaften Judenmetzeleien, deren Schauplatz in unseren Tagen das Zarenreich war, werden da als eine „schwache Abschlagszahlung der historischen Gerechtigkeit" bezeichnet, als Abschlagszahlung für ein Ereignis, welches sich, wie das Buch Esther berichtet, vor mehr als 2500 Jahren im Reiche des Königs Ahasverus abgespielt haben soll. Gehört Bestialität oder Wahnwitz dazu, eine solche Parallele aufzustellen, um die Juden höhnisch zu fragen, ob sie, in Erinnerung an den „Massenmord" vor 2500 Jahren „das Recht haben, sich über die Geschehnisse in Russland zu beklagen?"