Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 19 (1907)
- Issue
- 3 (3.1907)
- Date
- 1907-03-01
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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8 Dr. Isidor Schal it bemerkt, nicht über seine Person, sondern übfr die Sache, über die Prinzipien sprechen zu wollen, die er vertrete. So wie im Jahre 1848 respektive 1867 stehe auch heute die Judenschaft vor einem Wendepunkte und sie müsse aus den bisherigen Erfahrungen den Sehluss ziehen, ob sie die alte Politik fortsetzen oder durch eine bessere ersetzen müsse. Diese Bilanz ergibt, sagt Redner, den Bankerott der bisherigen jüdischen Politik. Von ihrem ursprünglichen Ziele, dem freiheitlichen Gedanken Durchbruch zu verschaffen, sei sie weit abgeirrt. Die Ursache der vollkommenen ökonomischen wie politischen Deroute, zu der wir gelangt sind, ist das Aufgehen der Juden in dea deutschen Parteien. Das jüdische Volk hat dem fortschrittlichen Weist des deutschen Bürgertums vertraut und heute ist es gerade die deutsche Bourgeoisie, welche die Gleichheit aller Bürger negiert, welche gegen die Zugänglichkeit der Aemter auch für Juden ist, welche überhaupt die bürgerlichen und politischen Rechte vom Religionsbekenntnisse abhängig macht. Die Furcht vor der roten Revolution hat das deutsche Bürgertum in das Lager der schwarzen Reaktion getrieben. Die ganze Gewerbegesetzgebung ist nicht allein vom reaktionären Geiste erfüllt, sondern zielt direkt auf eine Schädigung des jüdischen Erwerbslebens ab. Die bicherige Politik der Juden muss durch eine bessere ersetzt werden. Wohl sind wir Zionisten der Ueberzeugung, dass die Judenfrage weder in Oesterreich noch durch Oesterreich gelöst werden wird, aber wir besitzen heute noch nicht die Möglichkeit, ein Gemeinwesen in Palästina nach unseren Wünschen einzurichten. Noch leben wir hier in Oesterreich und müssen von diesem Staate verlangen, dass wir mit gleichem Rechte gemessen werden wie alle anderen, und no?h müssen wir an den Vorarbeiten wirken, die für die Erreichung unseres grossen Zieles notwendig sind. Der Jude soll wieder ein strammer, unbeugsamer, aufrechter Mann werden und dazu soll ihn unsere jüdisch-nationale Gegenwartspolitik machen. Die Fragen der Nationalitäten und der kulturellen Postulate dürfen in Oesterreich nicht mehr ein Politikum sein, sie müssen aus dem Kampfe des Tages ausgeschieden und den Völkern zur Selbstentscheidung ohne fremde, nationale Einmischung überlassen werden, damit den grossen Fragen der Zeit, den wirtschaftlichen und politischen Problemen freier Spielraum gelassen werde. Das kann in Oesterreich nur durch die nationale Autonomie verwirklicht werden. Der Jude muss ferner für den Ausbau des Staatslebens in wahrhaft freiheitlichem Sinne bestrebt sein. Redner verliest die politischen und wirtschaftlichen Postulate seiner Partei und schliesst mit einem kräftigen Appell an die Wähler, am Wahltage als Juden ihre Pflicht zu tun, (Lebhafter Beifall.) Dr. Friedrich E 1 b o g e n empfiehlt in längerer Rede die Kandidatur Dr. Blochs. Dr. Viktor Rosenfeld erklärt, seke Kandidatur im Interesse der Einigung der Wählerschaft zurückzuziehen. Bei den Ausführungei des letzten Redners, Herrn Böhm, der das zionistische Programm erläutert, bemächtigt sich eines Teiles der Versammlung nervöse Ungeduld. In vorgerückter Stunde schliesst der Vorsitzende die Diskussion mit der Ankündigung, dass die Union noch weitere Versammlungen veranstalten und eine Einigung herbeizuführen bemüht sein werde. * * * Die „Allg. Ztg. für das Judentum" schreibt: „Nur in zwei Wahlbezirken Deutsch-Oesterreichs haben die Juden Aussicht, ihre eigenen Kandidaten durchzubringen — und in diesen beiden Wahlkreisen sind sie in so viele Parteien gespalten und haben sie so viele Kandidaten aufgestellt, dass sie damit beide Wahlkreise den Antisemiten ausliefern. Der eine ist