Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 19 (1907)
- Issue
- 3 (3.1907)
- Date
- 1907-03-01
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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7 Es gelangen nun die Kandidalen für den ersten Wahlkreis der Leopoldstadt zur Anhörung. Als erstem erteilt der Präsident das Wort Herrn Dr. Josef S. Bloch: „Einer der Redner hat das Wort gebraucht, es gehöre Mut dazu, in einer politischen Versammlung von sich selbst zu sprechen, und diesen Mut muss ich heute für mich in Anspruch nehmen. Ich muss von meiner Vergangenheit erzählen und über meine Tätigkeit berichten." Redner erwähnt kurz die Werke, die er herausgegeben und die zum Teile sogar in der nichtjüdischen Welt Berühmtheit erlangt haben, die Vorträge, die er vor christlichen Arbeitern und im deutschen Schulvereine über den Talmud gehalten, seinen Kampf gegen Rohling und sein Wirken im Parlament, wo er allein gegen eine ungeheuere Uebermacht von Feinden gestanden, und sagt: „Die Grundlage der Emanzipation des Judentums ist die Ber echtigung: der jüdischen Idee in der Geschichte. Daher behaupte ich, wenn alle meine Vorredner anerkannt haben, dass die jüdischen Vertreter Kämpfer sein müssen, dass die ente Voraussetzung für einen jüdischen Abgeordneten Kenntnis der jüdischen Ge=- schichte ist. Ihnen hier ein politisches Programm zu entrollen, dessen fühle ich mich enthoben. Das Programm der „Union" ist mein politisches Programm. Ich bin Jude und bin stets nur für die jüdischen Interessen eingetreten. Ich gehöre keiner anderen Nationalität an, kann keiner anderen angehören, denn obwohl wir Juden alles getan haben, um uns zu assimilieren, ist es uns nicht gelungen. Der Antisemitismus ist somit eine Folge unserer Liebedienerei, unserer Sucht nach Assimilation, Je mehr wir uns zum Anschluss hinzugedrängt haben, umso schärfer wies man uns zurück. Beweiskräftig dafür ist, dass der moderne Antisemitismus nicht in den niederen Schichten des Volkes zuerst auftauchte, sondern an den Universitäten, wo deutsche Sitten und Lnsitten von den Juden bis zum Ueberdruss nachgeahmt wurden." Redner zitiert weiters einige Briefe, die Adolf F i s c h h o f und Sektionschef Gniewosz an ihn gerichtet und die eine Anerkennung seiner der Aufklärung, dem Fortschritt und der Gerechtigkeit gewidmeten öffentlichen Tätigkeit bilden, und schliesst: „Die Uebermacht meiner antisemitischen Gegner bat mich, Ihren Vertreter, den Vertreter der Judenschaft, aus dem Parlament hinausgedrängt, weil sie in mir einen zu gefährlichen Gegner sahen. Meiner Ansicht nach ist jeder, der mit dem jüdischen Volke fühlt, verpflichtet, diese Schmach abzuwaschen." (Lebhafter Beifall.) Dr. Julius 0 f n e r : Ihr Vertrauen hat mich vor sechs Jahren in das Parlament entsendet. Ich bin daher in einer anderen Lage, wie meine Herren Vorredner; zum Teil in einer besseren, weil ich mich auf meine Vergangenheit beiufen kann, zum Teil in einer schlechteren, weil ich mich auf meine Vergangenheit berufen muss. Ich kann Ihnen kein anderes Versprechen geben, als dass ich wie bisher für die Interessen der Juden mit aller Kraft eintreten werde. Wir haben das allgemeine Wahlrecht erkämpft, aber es versteht sich von selbst, dass ein Volk, dessen Unterricht, dessen politische Erziehung seit einem Jahrhundert vernachlässigt wurde, nicht sofort, wenn man es zu Wählern macht, die politische Reife erhält. Es ist daher zweifellos, dass wir es in dem nächsten Parlament mit einer starken, rückschrittlichen Majorität zu tun haben werden und dass uns ein schonungsloser Kampf aufgedrängt werden wird. Da tun freiheitsliebende Männer not, und weil ich mir dessen bewusst bin, dass ich diese Leidenschaft für Freiheit und Fortschritt besitze, möchte ich auch in Zukunft mitarbeiten. Sie haben mich überall gesehen, wo es sich um den Schutz der Schwachen und Entrechteten gehandelt hat, und ich glaube, dass gerade wir Juden auf dem Standpunkt der vollen Gleichberechtigung stehen müssen. Ich weiss nicht, ob Sie bei der ausgesprochenen Tendenz dieser Versammlung ein Programm von mir erwarten. Ich bin Demokrat und Sozialpolitiker und Freund der Industriellen und Kaufleute. Ich bin immer dafür eingetreten, dass die Hindernisse, die man der Freiheit des Handels in den Weg legt, verschwinden müssen. Redoer schliesst mit dem Versprechen, auch in Hinkunft seine ganze Kraft in den Dienst der guten Sache stellen zu wollen. (Lebhafter Beifall.)