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Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1907-03-01 · 3 (3.1907) · p. Seite 4

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Journal
Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
19 (1907)
Issue
3 (3.1907)
Date
1907-03-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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4 Präsident Mayer widmet dem dahingeschiedenen Dr. Siegmund Zins, welcher zu den Gründern der „Union-' zählte und ihr stets ein warmer Freund und Förderer gewesen, tiefempfundene Worte des Nachrufs. (Die Versammlung erbebt si:h von den Sitzeu.) Die Trauerkuudgebung wird der Familie des Verewigten zur Kenntnis gebracht werden. Der Präsident erteilt sodann das Wort dem vom Vorstand zum Referat designierten Dr. Jakob Ornstein: Meine Herren! Seit der Umwandlung Oesterreichs in einen Verfassungsstaat hat es kein Gesetz gegeben, welches so sehr das allgemeine Interesse in Anspruch genommen hätte, wie die Wahlreform. Die einen sehen ihren Wirkungen mit fiohem Hoffen entgegen, ja, unsere Gegner sogar mit unverhehltem Triumph, die anderen wieder mit banger Sorge. Zu diesen letzteren gehören auch wir Juden, denn wir dürfen uns keinem Zweifel hingeben, dass die Freude, zu der uns sonst dieses freiheitliche Werk Anlass geben sollte, gedämpft werden muss. Wird doch das neue Haus noch viel radikaler sein, wird sich doch der Missbrauch der parlamentarischen Tribüne zu rohen und gehässigen Angriffen gegen unsere Glaubensgenossen noch mehr häufen, als bisher. Es ist daher ein Gebot der Selbsterhaltung, die Mittel zur Abwehr zu suchen, den Kampf zu organisieren und uns über den Weg zu einigen, der uns zu einem Erfolg führen kann. Der Vorstand der „Union" hat es daher als seine Pflicht erachtet, sich darüber zu verständigen, welche Kandidaten er ihnen empfehlen soll. Von einem jüdischen Kandidaten müssen wir vor allem verlangen, dass er die Ehre des Judentums hochhalte und alle Angriffe auf die Juden energisch und unerschrocken abwehre. Wir stehen nunmehr vor der Frage: sollen wir in der bisherigen Politik fortfahren oder sollen wir die Wahrung unserer Interessen in unsere eigenen Hände nehmen Zwei Mandate haben wir westösterreichischen Juden zu vergeben, das Kaimandat und das Mandat des ersten Wahlkreises der Leopoldstadt Diese Mandate müssen wir festhalten und keinerlei Rücksicht darf uns hiebei irreleiten. Wo sollen wir auch unsere Bundesgenossen suchen? Die Deutschen in den Sudetenländern haben längst vergessen, dass sie niemals die Hegemonie erlangt hätten, wenn nicht die Juden überall dort, wo sie den Ausschlag geben, unter Hintausetzung ihrer wirtschaftlichen Interessen sich für sie eingesetzt hätten. Der Wahlaufruf der deutschen Volkspartei wendet sich nicht mit einem Woit gegen den Antisemitismus. Die deutsche Fortschrittspartei hat allerdings die Gleichberechtigung auf ihre Fahne geschrieben, blicken wir aber auf Wien, so sehen wir, dass diese Partei hier zur politischen Ohnmacht verurteilt ist. Seit Wochen beiät sie, ob sie ein Zentral-Wahlkomitee bilden soll, und während dessen schmieden die Gegner ihre Erfolge. Wir können daher einen warmen Verteidiger unserer Interessen nur in unserer Mitte finden, er muss Fleisch von unserem Fleische, Blut von unserem Blute sein. Wenn wir von dieser Voraussetzung ausgehen, so ist die Frage der Aufstellung eines Kandidaten im ersten Bezirke viel leichter zu lösen als im zweiten Bezirk. Im Kaiviertel haben wir eine homogene Wählerschaft, ihrer Parteistellung nach, denn sie hat bisher die Kerntruppe des Liberalismus gebildet, ihrem Beruf nach, denn sie besteht zur grossen Mehrheit aus Kaufleuten. Diese Wählerschaft hat dem Wunsche Ausdruck verliehen, dass sie durch einen Mann aus ihrer Mitte vertreten werde. Das Wahlkomitee der „Union" hat daher getrachtet, einen Mann ausfindig zu machen, der nicht nur jüdisch fühlt und denkt, sondern auch ein warmes Herz für die Kaufmannschaft besitzt, und es glaubt, Ihnen als solchen Herrn kaiserlichen Rat A n n i n g e r wärmstens empfehlen zu können. (Beifall.) Viel schwieriger liegt die Sache in der Leopoldstadt. Wahltechniker behaupten, dass dort eine jüdische Majorität von 55 Perzent wäre. Diese 55 Perzent sind aber nur dann eine Majorität, wenn Einigkeit herrscht. Dauert die Spaltung unter den Juden fort, dann ist der Erfolg der, dass der Antisemit der tertius gaudens sein wird. Es ist daher die Pflicht der Wähler, nicht getrennt zu marschieren, sondern vereint zu schlagen. Solange aber jeder

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