Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 19 (1907)
- Issue
- 3 (3.1907)
- Date
- 1907-03-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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3 Genossen ihren Austritt aus dem Nationalrate vollziehen mussten, nachdem sie noch tagsvorher einen Aufruf an die jüdischen Wähler erlassen hatten, der Schlachta unerschütterliche Heerfolge zu leisten. Und was programmatische Versicherungen wert sind, lehrt der folgende Vorgang im tschechischen Lager. Im böhmischen Landtage hat der Abgeordnete Bfeznovsky bei Verhandlung einer Petition über die Zigeunerplage einige antisemitische Zwischenrufe fallen lassen. Hierauf erschien eine Deputation der böhmischen Judenschaft bei dem Präsidenten des Jungtschechenklubs Doktor Skarda und machte ihn darauf aufmerksam, die böhmische Judenschaft müsste im Wiederholungsfalle annehmen, dass sich der Jungtschechenklub mit Bfeznovsky identifiziere, und ihre Konsequenzen bei den Wahlen ziehen. Der Jungtschechenklub hat in einer Sitzung über das Ausuchen der böhmischen Juden beraten und erklärt, dass er das Vorgehen Bfeznovsky's nicht billige und mit ihm nicht einverstanden sei, andererseits aber nicht die Macht habe, dem genannten Abgeordneten in dieser Hinsicht zu diktieren. Genau so sieht es auch im deutschen Lager aus. Das Parteiprogramm spricht von voller konfessioneller Gleichberechtigung, jeder einzelne Abgeordnete aber hat völlig freie Hand, die Juden zu beschimpfen und ihre Entrechtung zu fordern, und die Deutschliberalen werden nicht den geringsten Anstand nehmen, mit der neuen christlichsozialen „Reichspartei" und ihrem „Feldmarschall" Gessmann sich zu einer engen Gemeinbürgschaft zusammenzuschliessen. Und da sollen wir noch freiwillig auf die einzigen zwei Wahlbezirke verzichten, in denen wir kraft unserer Stimmenzahl jüdische Vertreter wählen können? Da sollen wir noch untereinander über kleine Meinungsverschiedenheiten und politische Nuancen streiten? Nein und dreimal nein! Im Kai-Viertel und in der Leopoldstadt müssen jüdische Abgeordnete gewählt werden, Juden nicht nur dem Namen, sondern der Gesinnung und Empfindung nach! Und dazu müssen alle mithelfen, die auf die Ehre und Würde des jüdischen Namens noch etwas halten. Die Wählerversammlung der „Union". Am 25. Februar veranstaltete die „Oest.-Isr. Union" eine Versammlung der Wähler des ersten Wahlkreises der inneren Stadt und der Leopoldstadt zur Anhörung der Kandidaten für die Reichsratswahlen. Der grosse Saal des „Hotel Post" war bis auf das letzte Plätzchen gefüllt und die Wähler, deren Zahl 600 weit überschritt, verfolgten mit sichtlichem Interesse die Reden der verschiedenen Kandidaten. l*