Mannheim
Compact Memory

Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1907-02-01 · 2 (2.1907) · p. Seite 27

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
19 (1907)
Issue
2 (2.1907)
Date
1907-02-01
Page
Seite 27 (sequence 27)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/9756662-9603764-9603765--1636-9603792
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

27 Repräsentanz den Eindruck, dass die Juden in Prag mit ihrer Repräsentanz nicht gerade schlecht gestellt sind, wenn auch die Wahl dieser Körperschaft auf Grund eines arg rückständigen Statutes erfolgt. Es wird gewissenhaft beraten und gründlich gearbeitet. Vielfach bewegt man sich zwar gar zu sehr, in den tief ausgefahrenen Geleisen ziemlich veralteter Ansichten. Das ist jedoch nicht zu verwundern, wenn man bedenkt, dass die meisten der Herren schon Jahrzehnte hindurch ihren Platz einnehmen und die Majorität sich aus ziemlich alten Herren rekrutiert. Die wenigen jüngeren Herren befinden sich auch tatsächlich hie und da in der Opposition, richten aber in den meisten Fällen gegen die feste Phalanx der Alten nichts aus. Von besonderem Interesse waren heuer die Budgetverhandlungen. Das Resultat wird jeder Steuerträger aus seinem Steuerzettel erfahren. Es tritt nämlich im Jahre 1907 eine 15perzentiu;e Steuererhöhung in Kraft. Der Grund hiefür liegt darin, dass die Gemeinde eine Anleihe von K 400.0( 0 aufnehmen und verzinsen muss. Dieser Betrag wird benötigt für den Umbau und die Erweiterung des Rathauses und einen Bau, welchen die Gemeinde in der Joachimsgasse aufzuführen hat« Diese beiden Bauten werden an K 250.000 kosten. Nebstdem wird die Gemeinde den neuen Tempel in der Jerusalemsgasse für K 150.000 übernehmen, nachdem der Vorstand dieses Tempels so trefflich zu wirtschaften verstand, dass er mit etwa dem gleich hohen Betrage passiv geworden ist. Wie dieses kleine Beispiel zeigt, ist die allgemein verbreitete Ansicht nicht richtig, dsss die Repräsentanz der Prager Kultusgemeinde nichts anderes zu tun hat, als Stiftungen zu verwalten. Ihre Verhandlungen (welche zumeist am Sonntag von 11—1 Uhr stattfinden) bieten vielmehr gar manches interessante Moment und sind wohl wert, das volle Interesse der Steuerträger in Anspruch zu nehmen, was unsere weiteren Berichte wohl beweisen werden. Berlin. (Die deutschen Reichstags wählen) haben den antisemitischen Gruppen einen kleinen Zuwachs gebracht. Die Zahl der antisemitischen Abgeordneten ist von 14 auf 17 gestiegen. In den Hauptwahlen sind H Antisemiten gewählt worden, und zwar die Reformer Zimmermann, Gräfe, Bruhn, der Deutschsoziale Liebermann von Sonnenberg und die Christlich-Sozialen Stöcker und Burckhardt. — Die Stichwahlen sind für die Antisemiten günstig ausgefallen, da 11 Mandate ihnen zufielen. Wiedergewählt wurden die Deutschsozialen Lattmann, Herzog, Raab, Schack, neugewählt Graf in Weimar-Apolda, Köhler in Giessen und Dr. Böhme in Marburg. Die beiden letztgenannten Kreise waren schon in früheren Legislaturperioden in den Händen der Antisemiten. Die Reformer behaupteten Hersfeld-Rotenburg (Werner) und eroberten zwei Wahlkreise, die sie schon früher besessen hatten, nämlich Alsreld-Lauterbach (Bindewald) und Meissen-Grossenhain (Gäbel). Auch der Stöckerpartei ist es gelungen, noch einen der Ihrigen durchzubringen, den Arbeitersekretär Behrens, der dem Nationalliberalen Krämer den Wahlkreis Wetzlar-Altenkirchen entriss. Im neuen Reichstage werden somit 8 Deutschsoziale, 6 Reformer und 3 Stöckerianer Platz nehmen. Ohne die den Antisemiten zuteil gewordene Verstärkung irgendwie beschönigen zu wollen, müssen wir dabei beharren, dass zum Pessimismus kein Grund vorliegt. Wie die antisemitische Agitation in Berlin, Hannover, Baden und anderen Gegenden abgewirtschaftet hat, so wird es durch eine intensive planmässige Gegenbewegung möglich sein, sie aus ihren bisherigen Domänen, wie Kurhessen Grossherzogtum Hessen, Sachsen zu verdrängen. Freilich nur, wenn auch die poltischen Parteien ihre Schuldigkeit tun. Das geschieht aber nicht, wenn Liberale, wie es dieses Mal der Fall war, den Antisemiten, also den schlimmsten Gegnern des obersten Prinzips dss Liberalismus und des Ver-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.