Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 19 (1907)
- Issue
- 2 (2.1907)
- Date
- 1907-02-01
- Page
- Seite 28 (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
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28 faisungsstaates : der Gleichberechtigung aller Bürger, den Weg in die Volksvertretung bahnen. (Genau wie bei uns in Oesterreich! — Anm. d. Red.) Im Uebrigen bedeuten die Wahlen infolge der eklatanten Niederlage der Sozialdemokraten, der Behauptung des Zentrums und der Einreihung der freisinnigen Parteien in die Regierungsmajorität nicht einen Sieg, sondern einen Niedergang des freiheitlichen Gedankens. In der Hauptsache richtet sich nun die Spekulation der Antisemiten auf die Stichwahlen. Vor der Hauptwahl operieren sie durch ihre skrupellose Agitation und die Volksschichten gegeneinander ausspielende Verhetzung so masslos, dass die bürgerlichen Parteien gezwungen sind, ihnen ihre ganze Aufmerksamkeit zuzuwenden gegen die Sozialdemokraten an zweiter Stelle zu führen. Das hat den Zw ec es zu verhindern, dass der Sozialdemokrat in der Hauptwahl ganz ausgeschaltet wird und nachher in der Stichwahl den bürgerlichen Gegenkandidaten zum stiege verhilft. In anderen Wahlkreisen, wo diese Situation nicht zutrifft, tritt das Wort „national" in Aktion. Die Antisemiten nehmen für sich das Recht in Anspruch, die einzigen national zuverlässigen Kandidaten zu sein, während dem bürgerlichen, meist liberalen Gegenkandidaten, oft in persönlich verletzender Weise, die zuverlässige nationale Gesinnung abgesprochen wird. Das mussten in diesem Wahlkampf in Meiningen der freisinnige Volksparteiler Dr. Müller-Meiuingen, in Eisenach der nationalliberale Kandidat Dr. Winter, in Weimar der freisinnige Schulinspektor Weiss über sich ergehen lassen. Haben dann die Antisemiten ihr Ziel erreicht und es durchgesetzt, in die Stichwahl zu kommen, ändert sich urplötzlich ihre Taktik. Der verhasste Gegner ist plötzlich der geschätzte Mitbewerber und mit gleissnerisch- .sehmeichelnden Worten wird an seine nationale Gesinnung appelliert, um eine Erklärung zugunsten der antisemitischen Kandidatur gegen den reichsfeiudiichen Sozialdemokraten zu ergattern. So geht die Spekulation der antisemitischen Mandathändler, und die in Zwangslage befindliche Gegenpartei muss zusehen, wie der im Wahlkreis am geringsten vertretenen Partei der vielen Mühe Preis, das Mandat, anheimfällt. Wenn man von diesem Gesichtspunkte aus einige Stichwahlparolen der diesjährigen Wahlperiodebetrachtet, wird m&n die Richtigkeit der obigen Behauptungen bestätigt finden. In Eisenach- Dermbach z. B. hat die Leitung der nationalliberalen Partei eine Stichwahl- 3>arole zugunsten des Antisemiten Schaek ausgegeben. Dagegen haben die Fi eisinnigen, die bei der Hauptwahl mit den Nationalliberalen gemeinsam vorgingen, die Parole ausgegeben : Kein freisinniger Mann kann für den Antisemiten eintreten! In Weimar treten die Freisinnigen, in Eschwege-Schmalkalden und iu Kassel die Freisinnigen und die Nationalliberalen in der Stichwahl für den Antisemiten ein. München. (Sonntagsruhe in jüdischen Geschäften.) Die Rabbiner Bayerns hatten im Vorjahre an das Ministerium des Aeusseru eine Eingabe gerichtet, worin sie das Ansuchen stellten, dass gestattet werde, dass jüdische Geschäftsleute, welche am Samstag ihre Geschäfte geschlossen halten, in den Städten, wo durch Ortsstatut die Beschäftigung1 von Handelsangestellten au Sonntagen beschränkt oder ganz untersagt ist, ihr Personal wenigstens eiuige Stunden des Sonntags beschäftigen. Das Ministerium des Aeussein hat nunmehr unterm 24. Jänner die Eingabe dahin verbeschieden, dass es im Hinblick auf § 105 b Abs. 2 der Reichsgewerbeordnung nicht in der Lage sei, j»