Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 19 (1907)
- Issue
- 2 (2.1907)
- Date
- 1907-02-01
- Page
- Seite 18 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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18 modern ist, mit Vorliebe seine Anwälte; da ist es nur natürlich, dass ihnen ihr Uebelwollen das tiefste Misstrauen gegen die Juden einflösst Hohe, geistige Begabung, die durch keinen derartigen moralischen Defekt beeinträchtigt war, hat sich, wie durch unzählige Tatsachen bekannt ist, mit vollem Vertrauen zu unseren Volksangehörigen sehr wohl vertragen. Der böswillige Mensch hat sogar die Stirne, sich auf den sicheren Instinkt des Volkes zu berufen, diesem soll das jüdische Volk in allen Zeiten und an allen Orten Abscheu eingeflösst haben. Es ist ja wahr, dass überall, wo es Verleumdern und Hetzern gelungen, Geiz, Neid, Missgunst, Rachgier, Habsucht, Raublust und grausame Roheit, kurz das Allerniedrigste und Gemeinste, in dem sittlich verwahrlosten, denkfaulen Teile der Massen gründlich aufzurütteln, die Treffsicherheit des Volksinstinktes bezüglich nichts zu wünschen übrig lässt, die Juden flössen dann sicher den abscheulichsten Charakteren den grössten Abscheu ein. Herrn Chamberlain muss es gegönnt sein, dem sicheren Instinkte des Volkes zu vertrauen; man. hat ihm ja auch in den Zeiten der Hexenprozesse, wo ihm gebrechliche, krankhaft aussehende und mit Warzen, oder eigentümlichen Muttermalen behaftete Frauenspersonen den Abscheu eingeflösst, der es zweifellos gemacht, dass sie mit dem Teufel gebuhlt, das grösste Vertrauen entgegengebracht und sogar die herrlichsten Epochen des Flagellantentums und der Tanzwut bezeugen, dass er das Richtige trifft; woher wäre sonst der Abscheu gekommen, den ihm die damals modernen Schnabelschuhe eingeflösst haben? Was soll man von einem hochgebildeten Manne, der solche fixe Ideen hat, sagen!? Man muss ihm glauben, dass er wirklich der Ansieht ist, dass uns das zwischen einer weiten Vergangenheit und fernen Zukunft liegende Leiden im höchsten Masse hochmütig macht. Wahr ist nur, dass Israel trotz der ihm widerfahrenen schrecklichen Misshandlungen nicht das Selbstbewusstsein verloren hat, wie es bei den mit ähnlichen Liebenswürdigkeiten bedachten Zigeunern in Europa und den Parias in Indien der Fall ist. Wir haben noch nie und nirgends uns selbst, sondern unsere Verächter für minderwertig gehalten und die Logik der Tatsachen in der Geschichte gibt uns recht und wird uns diesbezüglich immer recht geben. Die auf die religiösen Bestrebungen der Patriarchen zurückgeführte Auserwählung Israels5), welche ihm unter nicht leichten Bedingungen eine priesterliche Stellung unter den Nationen einzuräumen bezweckt6), ist so enge mit dessen Erlösung vom Sklavenjoche Egyptens verbunden, hat so lebhaft an die bittere Knechtschaft, der das Volk in seiner Jugendzeit verfallen war, er- 5) Deuteronomium 4, 37. 6) Exodus 19, 6.