Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 19 (1907)
- Issue
- 2 (2.1907)
- Date
- 1907-02-01
- Page
- Seite 15 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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15 Orten den Hochbegabten das tiefste Misstrauen einflösste und dem sicheren Instinkt des Volkes Abscheu." Die Wucht der neun kühnen Behauptungen, die der geistreiche Mann so geschickt zusammenfasst, um auf die Macht der Idee des Judentums loszuschmettern, verringert dieselbe um kein einziges Atom, denn sie sind insgesamt schon in der Wurzel faule und falsche Eingebungen der Gemütsroheit, während die von ihm angefochtene Idee des Judentums in der alles einem erhabenen Zwecke unterordnenden Wahrheit wurzelt: die Psyche des Vernunftwesens ist ein Heiligtum; Gott hat den Menschen in seinem Ebenbilde geschaffen. Die Theorie von der vornehmen Herkunft des spezifisch Menschlichen, ist, wie der Weise Ben Asai unter Bezugnahme auf den ersten V^rs des achten Kapitels der Genesis behauptet, eine grundlegende Regel in der Lehre Moses1). Von der Einheit des Schöpfers als des alleinigen Gottes, der Einheit der Natur als seiner Schöpfung und der Einheit des Menschengeschlechtes ausgehend, fordert unsere Eeligion Achtung der Menschenwürde in Person und Umgebung, welche sich durch Beherrschung und Leitung unserer niedrigen Triebe und durch eine vor keiner der Scheidewände, die Menschenart, Klasse, Glaubens- und politische Gemeinschaft bilden, haltmachende sittliche Güte gegenüber den Menschen zu bekunden hat. In unserem Stamme ist das Verhältnis des Menschenwesens zum Schöpfer schon vom Anbeginn als eine Quelle ethischer Verpflichtungen aufgefasst worden. Vom ersten Patriarchen heisst es: „Denn ich liebe ihn, weil er befehlen wird seinen Kindern und seinem Hause nach ihm, dass sie beobachten den Weg des Ewigen, zu üben Tugend und Gerechtigkeit" Was Abraham zu der Auffassung geführt hat, dass das ethisch Gute den Weg des Höchsten bezeichnet, war derselbe Gedanke, der Sokrates zu dem Ausspruche bewogen: „Nichts ist Gott ähnlicher, als wer unter uns der Gerechteste ist"2.) Der Vorsatz des Stammvaters, den Gottesbegriff mit den auf ihm beruhenden moralischen Normen auf seine Nachkommenschaft zu vererben3), ist der Begeisterung für die Idee entsprungen, dass des Schöpfers eigene Kraft im Menschen lebt. Das kühne Vorhaben, den Monotheismus und seine heilsame Einflussnahme auf Gesinnung und Lebensführung inmitten einer von tausend Wahngebilden betörten, in Blut und Unzucht schwimmenden Welt von Geschlecht zu Geschlecht zu vererben, konnte nur durch eine gewisse Absonderung der Familie von ihrer Umgebung realisiert werden. Diesem Zwecke war vornehmlich die Beschneidung dienlich, mit ihr hat der Partikularismus begonnen, der zur Entstehung des Israelitenvolkes geführt hat. Die Ausbildung der *) Midrasch Rabba, Kap. 24, zur Genesis. a) Nach Schleiermacher bei Plato. 3) Genesis 18, 19.