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Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1906-12-01 · 12 (12.1906) · p. Seite 5

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Journal
Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
18 (1906)
Issue
12 (12.1906)
Date
1906-12-01
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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5 Mache handelt. In Wirklichkeit lebt das russische Volk im allgemeinen durchaus friedlich mit den Juden zusammen und nur wo der völlig ungebildete Teil des Volkes von antisemitischen Hetzern aufgereizt wird, kommt es zu Gewalttätigkeiten gegen die Juden, zumal wenn, wie es meist geschieht, bei den Leuten der Eindruck hervorgerufen wird, dass Plünderung jüdischen Eigentums und Züchtigung von Juden von Petersburg anbefohlen worden sei oder wenigstens dort gern gesehen werde. Die Enthüllungen hoher Beamten, wie des Fürsten Urussow und Lopuchins lassen keinen Zweifel darüber, dass die eigentlichen Urheber der Judenhetzen stets in Petersburg zu finden sind, mögen sie nun wie seinerzeit Graf Ignatjew oder Herr von Plehwe an der Spitze des Ministeriums des Innern stehen, oder wie General Trepow ihren Einfluss ausserhalb des Ministeriums geltend machen. Die Lage wird folgendermassen erklärt: Vertreter auswärtigen Kapitals haben, wie der Petersburger Korrespondent des „Daily Telegraph" versichert, dem russischen Finanzminister erklärt, dass die Regierung, indem sie es hartnäckig ablehne, die Beschwerden der Juden zu beheben, eine entschieden antisemitische Tendenz zeige und mit Eecht für die Judenhetzen verantwortlich gemacht werden könne; so lange nicht in dieser Beziehung eine Besserung eintrete, könne von einer finanziellen Unterstützung der Regierung in irgend einem staatlichen Unternehmen nicht die Rede sein. Das Ergebnis dieser Vorstellungen sind die — Versprechungen, welche wir oben gekennzeichnet haben. Worte, nichts als Worte, und um zu zeigen, welchen Schwierigkeiten die Regierung bei der Erfüllung ihrer Zusagen begegnet, wird das „echte" russische Volk als in wildem Aufruhr gegen die geplanten Zugeständnisse an die Juden geschildert. Tatsächlich haben alle Parteien, deren Vertreter in der ersten Reichsduma eine überwältigende Mehrheit bildeten, sich für die vollständige Gleichstellung der Juden mit den übrigen Einwohnern Russlands ausgesprochen und die wenigen Abgeordneten derjenigen Volksgruppen, die sich jetzt so entschieden gegen alle Zugeständnisse an die Juden aussprechen, versuchen nicht einmal, ihre Ansichten in der Duma zum Ausdruck zu bringen. Wenn die Regierung die auf ministeriellen Erlässen beruhenden Einschränkungen aufhebt, wird sie nirgends auf ernstlichen Widerstand stossen und wenn sie der Volksvertretung die Entscheidung über eine gesetzliche Regelung der Judenfrage überlassen will, so ist dagegen nichts einzuwenden, vorausgesetzt, dass die Regierung überhaupt keine Gesetze durchführt, die von der Reichsduma gebilligt worden sind. Gerade jetzt sind aber tiefgreifende gesetzliche Bestimmungen in der Bauernfrage erlassen worden und man wird daher dem Ministerium Stolypin gewiss nicht Unrecht tun, wenn man ihm vorwirft, dass es verschiedenes Mass anwendet und seine Taten nicht mit seinen Worten in Einklang zu bringen weiss.

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